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Ich war eine von den Millionen Frauen rund um die Welt, die sich selbst verwirklichen. Ich verwirklichte und verwirklichte, mutig und entschlossen, doch das zu verwirklichende Selbst wich immer mehr zurück. In glücklichen Lebenslagen war es ein luftiger Geselle und in den dazugehörigen Tiefen ein unerträgliches Gewicht. Dieses Selbst deckte sich mit der Sehnsucht, die ich in mir trug, nicht. Eine Sehnsucht, die mir allzu lange unbestimmt geblieben war. Eine Sehnsucht, die schließlich erfüllt und geklärt wurde von einem vollkommenen Erwachen. Ein Erwachen, das dann kam, als ich es am wenigsten erwartete.
In dem Winter, in dem alles begann, befand ich mich tief in den Abgründen der Verzweiflung. 1984 war es, das OrweIl'sche Jahr. Die Menschen hier, meine Freunde, fanden, die Prophezeiungen dieses Buches hätten sich auf eine gespenstische Art and Weise erfüllt. Der Big Brother, der unsere Geschicke unsichtbar leitete, war der Moloch der Konsumwelt, für den wir den Preis unseres Lebens gaben.
Ich, die meine Freunde schon nachsichtig „Irri“ nannten, träumte noch immer völlig irrational and unrealistisch von einer Gleichheit zwischen den Menschen. Nicht nur ganz simpel und neuerdings narrensicher an eine Gleichberechtigung der Frau, nein, ich wagte es, an einer Gleichberechtigung des menschlichen Lebens, der menschlichen Zeit, festzuhalten.
Ja war ich denn vollends des Wahnsinns knusprige Beute and knusprig auch schon bald nicht mehr, denn ich ging schnurstracks auf meinen neununddreißigsten Geburtstag zu, zweimal geschieden, ohne Mann, mit einem Haufen Kinder an meiner Seite, die auf dem Sprung in ihr eigenes Leben waren, als Künstlerin hauptsächlich Lebenskünstlerin, kein regelmäßiges Monatseinkommen wert mit meiner – „zugegeben, wohltuenden Gegenwart“.
Meine gute Freundin und astrologische Schwester Loni studierte mein Horoskop, berechnete die Planetenbewegungen und riet mir, mich dem Kreuz der Tatsachen endlich zu ergeben.
„Leben ist dienen. Es ist Zeit, dass du deinen kreativen Übermut dämpfst und dich ganz bescheiden auf das Dienen in der Buchhandlung beschränkst.“
Nur gelang mir bei besten Willen nicht, den Dienst in der Buchhandlung vor meinem Gewissen zu verantworten. Ich fand, die Wahrheit müsse völlig selbstlos sein, und meine Vorbilder vor Ort waren das nicht.
Ich machte mir keine Illusionen darüber, dass der Dienst an der Wahrheit dich ganz fordert, ohne Rücksicht auf das was man haben könnte oder sein. Wohin mein Blick sich auch wendete lachte mir Einbildung, Eitelkeit, Besitzsucht und Menschenverachtung entgegen.
Ich verzweifelte schließlich an meinen Maßstäben, diesem intuitiven Gefühl für das Gute und Schöne, das meine künstlerische Arbeit antrieb und mir zu eindeutigen Linien und lebendigen Farben verhalf. Ich war es leid, allein für einen Schatten zu kämpfen. Eines nachts, als ich nicht einschlafen konnte, ertappte ich mich dabei, wie ich in meiner Verzweiflung zu Gott betete:
„Gott, X-Unbekannt, Kosmisches Bewusstsein. Schöpfer und Lenker der Geschicke aller Welten, wenn Du da bist und mich hörst, und ich einen Schwur leisten kann um einen Wunsch frei zu haben -“
Es war wirklich ein Kompromiss der Verzweiflung sich an so etwas Überholtes wie Gott zu wenden! Ein lebendiges Ganzes vorauszusetzen und in Seiner konsequenten Erhabenheit auch noch anzusprechen! Was sollte dieser Wunsch sein, dem ich mit Leib und Seele dienen würde?
Ein Mann, ein Gefährte, der dieses Leben mit mir teilt?
Reichtum, der mich aller irdischen Sorgen entledigen würde?
Macht, die Gesetze des Lebens zu beherrschen?
„Lieber Gott!“- Ohne weitere Umstände fiel ich in die Gebetssprache meiner Kindheit zurück, „Ich bitte Dich, ich flehe Dich an, lass mich die Wahrheit wissen, lass mich wissen, wofür Du mich geschaffen hast, mit all den schönen und lästigen Talenten, die mir zueigen sind, und ich werde dieser Sache mit Leib und Seele dienen.“
Nachdem ich diesen Schwur getan hatte, konnte ich endlich schlafen.

Von all den Heilslehren, die mich in der Buchhandlung umgaben, von den Schriften des Meister Eckehart, Paracelsus, Suzuki, den Reiseberichten der Alexandra David Neel, dem I Ching, Gautamos Reden, den Lehrbüchern über Planetenbeziehungen und Häuser oder das Tarot, die sich in meinem Bücherregal stauten, waren mir die Sufi-Schriften die liebsten. Al Ghasali, Idries Shah und seine Parabeln von Mullah Nasruddin. Da, in der Gemeinschaft mit Seelen, die sich „die Liebenden“ nannten, fand ich den Trost meiner Tage. Die Liebe war nach wie vor der beste Grund, bis in die Tiefen der Verzweiflung jener Nacht, in der ich mich an Gott wandte, den ich finden konnte. Um der Liebe willen war selbst das Unliebsamste leicht getan. Liebe, wie die zwischen Mann und Frau. Alle guten Vorsätze der Vernunft schnippte ich weg wie lepröse Fingerspitzen, wenn es darum ging, diesen großen Trapezakt ohne Netz auszuführen.
Möglicherweise waren die Objekte meiner Liebe, die ich mir bisher gewählt hatte obskur, aber nicht der unwiderstehliche Antriebsmotor der Liebe selbst.
In den Büchern der Sufis fand ich Geschichten von Menschen, die nicht gläubige Sklaven von Wissenschaft und Technik oder Konsum waren, sondern Vasallen des Guten im Kampf gegen das Böse. Gut und böse - oft fiel es mir selbst schwer zu unterscheiden, besonders wenn es um meinen eigenen Vorteil ging.
Sollte ich mir Hasenohren wachsen lassen, Bunny Ears, um in der Welt der Geschäftsmänner zu bestehen, die mein geplantes Filmprojekt über Die beste aller möglichen Welten finanzieren konnten? Von den unentdeckten Flecken auf der Landkarte der Gefühle sollte es handeln.
Wolken zogen über den Himmel und ich fühlte mich trüb. Im Augenblick war es mir gleich, ob diese Wolken sich einmal in fruchtbringendem Regen niederschlagen würden. Ich war groß, stark, mutig und belastbar, aber in Nebelzeiten auch blind und meiner eigenen Willkür hilflos ausgeliefert. Stark genug, um die tollkühnsten Jugendlichen von der Strasse zu holen und sie für ein Projekt zu begeistern, das ich Mutwork nannte. Ausreichend tollkühn, um in der erlesenen Sammlung von Menschen zu bestehen, deren Freundschaft ich mir erworben hatte.
Sollte ich weiter in der Buchhandlung die Adepten-Rolle erfüllen, wo es letztendlich auch nur um die Beute ging, die ängstlich mit niemandem geteilt wurde?
Ich hatte die Gesellschaft von Loni und ihrem Guru-Ehemann in der Hoffnung gesucht, dass sich hinter dem mystischen Image ihrer gepflegten Erleuchtung vielleicht Mitglieder der Bruderschaft der Liebenden verbargen. Die Arbeit in ihrem Buchgeschäft hatte ich mit Freuden angenommen, um meinen Obolus im „Grossen Werk“ - wie sie es nannten - zu geben.
Ich hatte nichts gegen Arbeit. Arbeit ist genug da, und jemand muss sie machen. Arbeiten ist gesund für Körper und Seele. In der Buchhandlung arbeitete ich für Geld und die für mich wichtigere Arbeit, das Wühlen in den aalglatten Strukturen unserer Zeit, um allgemeingültige Gesetze zu finden, musste sich mit dem übrigbleibenden Rest der Tage begnügen. Letzteres hatte sich als unentrinnbarer Strudel erwiesen, eine nicht ruhen wollende Herausforderung, von den anderen Selbstverwirklichung benannt.
Ziel ihres Spottes, weil es kein Geld einbrachte.
Ich konnte, was die anderen Menschen um mich herum für Leben hielten, einfach nicht akzeptieren. Die Monotonie des Alltags, das ewige Kuschen und Handaufhalten, die Sklaverei einer dubiosen Sicherheit, ging mir wider den Strich. Ich wollte den Beweis führen, dass es anders funktionierte, aber vorläufig bewies ich mit meinem Leben nichts anderes als dass man ohne Versicherung, ohne Auto, ohne feste Anstellung, ohne Mann ein anständiger Mensch sein kann.
Der Astrologie-Guru schrieb mir „All Well“ auf das Solar, das Jahrehoroskop.

Das I Ching dieser Tage war MONG, die Jugendtorheit – „...die Quelle kommt dadurch ins Fliessen und zur Überwindung des Stillstandes, dass sie alle hohlen Stellen auf ihrem Weg ausfüllt.“
Mit Loni geriet ich immer tiefer in unseren Disput. Sie verlangte, ich solle endlich mein Projekt aufgeben. Besonders meine Auseinandersetzung mit der Frau im Islam dabei passte ihr nicht.
„Loni, du hast sie nicht gesehen. Diese Frauen schauen viel schöner aus als unsere Frauen hier! Ihre Gesichter sind nicht durchkreuzt von den steilen Falten des Haderns, ihr Lächeln ist freier als unseres. Es mag doch sein, dass etwas, was wir Unterdrückung nennen, in Wirklichkeit Schutz ist? Ich breche Klischees auf, das ist meine Arbeit. Ich hebe Erscheinungsformen der zwischenmenschlichen Beziehungen, die kultur- und landschaftsbedingt sind auf, um darunter die Werte des Herzens freizulegen, die allen Menschen gemein sind.“
„Bitte kannst du mir sagen, was der Schleier für Vorteile haben soll?“
„Der Schleier und auch die Beschneidung, die in manchen Ländern wie Ägypten Malaysien und Sudan noch ausgeführt wird, sind von der gleichen Unterdrückungsgattung wie unser Konzept der freien Sexualität. Das eine wie das andere ist eine Anpassung an eine von Männern bestimmte Realität. Mir scheint nicht, dass uns die Sexuelle Befreiung, auf die wir so stolz sind, etwas gebracht hat. Wir Frauen sind dadurch den Bedürfnissen unserer Natur nicht näher gekommen. Schau doch an, was wir erreicht haben, wir dürfen Sex konsumieren und arbeiten wie Männer. Wir verstehen unsere eigenen Bedürfnisse deshalb nicht etwa besser und sind einsamer als je zuvor. Doch sind wir immer noch Frauen, mit allem, was dazugehört. Wir sind es, die verstehen, glättend über die Linnen des Tages zu streichen, wie eh und je.“
„Ich will dich ja nur der Buchhandlung erhalten.“
Kinderbeine hatten es mir in diesen Tagen angetan. Der Anblick von Kinderbeinen trieb mir Tränen in die Augen, eine Welle von Mitgefühl hob regelmäßig mein Herz. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass diese von zarter Haut umspannten Waden eine Schramme davontragen würden. Waden, die unbefangen, mit aller Kraft ins Leben hinein liefen, und die ich vor Schrammen nicht bewahren konnte.
Dabei war der Stand der Dinge mit meinen eigenen Töchtern nicht gerade der beste. Sie drängten hinaus in die weite Welt, und ich war so etwas wie ein Fußabstreifer, an dem sie ihre Krallen schärften. Die Schutzmauer, die ich ihnen während ihres Heranwachsens gebaut hatte, war schon reichlich angeschlagen.
„Mama, was sagst du dazu, ich möchte die Matura machen und eine Stelle bei der Bank annehmen, einen Mann heiraten und drei Kinder bekommen. Und dann schaue ich darauf, dass meine Kinder möglichst wenige Gedanken in den Kopf bekommen. Ich gebe ihnen nur Comicstrips zu lesen und sonst nichts und werde darauf achten, dass sie überhaupt nicht kreativ sind. So richtig unkomplizierte kleine Automaten möchte ich heranziehen, die ohne anzuecken und ohne Niedergeschlagenheit in das Gefüge dieser Welt hineinpassen.“
Dazu hatte ich mit meiner Ältesten eine Fehde über das Teilen! Ja, Lieben ist Raum geben. Sie war dabei, sich einen eigenen Lebensraum zu schaffen, indem sie meinen zerstörte. Einmal mehr war ich Fußmatte, an der die Krallen geschärft wurden. Ich selbst hatte ihr versprochen, sie würde sich nichts mehr von mir sagen lassen müssen, sobald sie stark genug war, mich niederzuringen. Und stark war sie jetzt.
„Warum bin ich nicht einfach hübsch und lieb, nur hübsch und lieb, Mama?“
„Bei deinen Gedichten, bei deinem Klavierspiel, bei deinen Bildern stört dich ja auch nicht, dass du Gefühle hast. Lass dich nicht niedermachen, mach dich nicht klein. Füll deine Talente voll aus und kümmere dich nicht, wenn Stiche und Pfeile über dich herhageln. Du musst nur aushalten, standhalten. Die Anfechtungen gehen vorüber, sie geben uns Form. Du willst doch nicht als Schrumpfding mit einem Schrumpfteil enden.“
Auf der Strasse begegnete mir die Zwergin unseres Viertels, Ihr Anblick erinnerte mich daran, dass auch in einem von der Natur so reduzierten Leib alle großen Träume nisten. Und in den Nächten träumte ich von einem schwarzen Mann, der mich mit grenzenloser Liebe umfing, anscheinend zu dem einzigen Zweck, mich nach dem Erwachen doppelt einsam zu fühlen.
In der Buchhaltung arbeitete ich darauf hin, jeweils zwei Monate in zehn Tagen zu schaffen, während Loni laut darüber meditierte, ob es sich lohnen würde, für diese Arbeit einen Computer anzuschaffen. Ich sehnte mich nach mehr Zeit, um die mir wichtigen Dinge zu tun, ein weiteres Bild zu malen, das Projekt voranzutreiben. Mit der Miete war ich im Rückstand, auf die Bank hatte ich nichts getragen. Vom Büro meiner letzten Etappe in den Hierarchien der Medienmacht hatte ich einen Bescheid der Terminverschiebung auf unbestimmte Zeit bekommen. Meine Einblicke in den Kulturbetrieb vor Ort ernüchterten mich.
„Einer denkt schnell, der andere langsam. Ein Baum wächst und verwest, und wenn er tot ist, dann haben die Menschen eine Scheibe herausgeschnitten, sie viereckig gemacht. Ein Meister hat sein Bild darauf gemalt, das nennen wir Kultur.“
Im Ernst, der einzige Grund, warum ich noch nicht klein beigegeben hatte, waren Träume, die mich nicht losließen. In dem einen war ich nach einer Umstülpung im Paradies gelandet, auf einer grünen Wolke. Das Paradies war endlich unter Meinesgleichen zu sein, unter lauter Gefährten, Kumpanen im Kampf um das Gute. Ein Gefühl der wahrhaft himmlischen Süße, das mich sogar die bittere Medizin vergessen ließ, die mein Innerstes nach außen gekehrt, die Umstülpung aus dem Jammertal der Menschenwelt in das wirkliche Zuhause meines Seins verursacht hatte. Dieser absolute Schmerz war vergessen, weggeweht, wie der Schmerz des Gebärens nach einer Geburt. Ohne mit der Wimper zu zucken, erklärte ich mich aber dann einverstanden, in die alte Welt zurückzukehren, um den anderen Menschen, die noch Hoffnung hatten, zum richtigen Ausgang zu verhelfen.
Im Traum sagte der Sprecher meiner engelsgleichen Kumpane zu mir: „Du bist eine von uns, hier ist dein Zuhause. Du wirst immer hierher zurückkehren. Du bist frei zu entscheiden, ob du hier mit uns verweilen willst, oder ob du zurückkehrst, um den anderen, die draußen herumirren und den richtigen Ausgang suchen, so wie du eine warst, den Weg zu weisen. Du kannst entscheiden, wie dir beliebt, du wirst niemals wieder von uns getrennt sein. Wenn du aber hinausgehst, wirst du dich dem Schmerz der Umstülpung unterziehen müssen.“ Ich überlegte nicht lange. Ich dachte an meine Kinder und meine Lieben, die ich in der alten Welt zurückgelassen hatte und volontierte für diesen Auftrag.
In dem anderen Traum, der mich nicht losließ, hatte ich nach einem schweren Abschied von meinem Sohn, der sich im nachhinein als überflüssig erwies, weil unsere Züge an anderen Bahnknotenpunkten immer wieder zusammentrafen, meine Identität, meine Kulturpersönlichkeit verloren.
Bei diesem überflüssigen Abschied im Traum hatte ich meinen Burberry und meine Brieftasche liegen lassen und in der Folge in der Hierarchie des Hauptbahnhofes unzählige Klinken geputzt, um meine verlorene Geltung und Achtung wieder zu erringen. Ich war sogar mehrmals aus diesem Traum aufgewacht, so lästig war mir die vergebliche Mühe des Klinkenputzens gewesen. All diese Herren mit ihren Amtskappen, die mir abschlägig Bescheid gaben! Aber immer wieder geriet ich, sobald ich eingeschlafen war, in die Bahnhofshierarchie zurück, bis schließlich der Bahnhofsvorstand auf mich zutrat und mir meine verlorenen Sachen sowie – auf einem blauen Samtpolster – den Schlüssel zur Stadt reichte.
Ich konnte nicht umhin, aus diesen Träumen gewisse Schlüsse zu ziehen: eine Umstülpung war erforderlich, um endlich meine Kumpane, die Bruderschaft der Liebenden zu finden, und in den Hierarchien der Macht konnte ich gar nicht ausdauernd genug sein.
Das I Ching brachte wieder einmal HUAN – die Auflösung: “...zur Überwindung des trennenden Egoismus der Menschen bedarf es der religiösen Kräfte. Die gemeinsame Feier der Opferfeste und Gottesdienste, die zugleich den Zusammenhang und die soziale Gliederung von Familie und Staat zum Ausdruck bringen, war das Mittel, das die großen Herrscher anwandten, um die Herzen der Menschen in gemeinsamer Wallung der Gefühle durch heilige Musik und Pracht der Zeremonien zum Bewusstsein des gemeinsamen Ursprungs aller Wesen zu bringen, wodurch die Trennung überwunden, die Erstarrung aufgelöst wurde. Ein weiteres Mittel ist das Zusammenwirken an gemeinsamen großen Unternehmungen, die dem Willen ein großes Ziel vorhalten und in der Richtung auf dieses Ziel alles Trennende auflösen, wie in einem Schiff, das einen großen Strom durchquert, alle Insassen sich in der gemeinsamen Arbeit einigen müssen.“

Als eines Morgens in aller Frühe das Telefon läutete, hob ich beinahe nicht ab. Wer sollte es schon sein, meine Freunde wussten, dass ich zu dieser Zeit nicht gestört werden wollte. Es konnte nur irgendein Wahnsinniger sein, der sich die Nummer für einen obszönen Anruf aus dem öffentlichen Telefonbuch gepickt hatte, oder Loni, die einen unerwarteten Einsatz im Geschäft forderte.
Es war schiere Redlichkeit, die mich den Hörer abheben ließ.
„Hallo, hier ist Helga.“
Wer zum Teufel war Helga?
Doch dann ging mir in meiner verschlafenen und asozialen Stimmung in der ich mich befand - das einzige, was ich von anderen Menschen zur Zeit wollte, war meine Ruhe - ein Licht auf: Helga! Der Gedanke, dass sie in der Stadt war, heiterte mich auf. Sie war die Erzfeindin meiner Freundin Gloria und zugleich der Mythos meiner Hausfrauentage gewesen, denn sie hatte ihren Ehemann (dessen Frau Gloria dann wurde) verlassen und war, ihre kleinen Töchter beim Vater zurücklassend, mit einem Jazzmusiker nach Paris durchgebrannt. Sieben Jahre später, gerade als ich meine Inspektionsreise in den Futurismus amerikanischer Städte und die Vergangenheit mexikanischer Berge antrat, war ich ihr einmal kurz begegnet.
„Schau,“ sagte sie nun am Telefon, „wir sind gestern in Wien angekommen und wohnen da in einem teuren, unfreundlichen Hotel. Weißt du eine Möglichkeit, wo wir uns zu einem annehmbaren Preis für eine Weile niederlassen können?“
„So schnell fällt mir nichts ein, aber ihr könnt auf alle Fälle erst einmal bei mir absteigen, bis ihr etwas findet.“
Ich hatte mich damit selbst überrumpelt, denn in meiner abgründigen Stimmung war mir gerade der Gedanke an andere Menschen und das damit verbundene Geben zuwider.
„Kann ich mit meinem Mann vorbeikommen, damit er sich ein Bild macht, ob wir die Einladung annehmen wollen?“
Hallo? War meine Einladung nicht gut genug?
Ich hatte ihren Mann, von dem es hieß, dass er ein Heroin dealender Schwarzer Panther war, noch nie getroffen. Und ein Mann, der erst meine Wohnung begutachten musste, bevor er geruhte, meine Einladung anzunehmen, war das letzte an Macho, auf das ich neugierig war.
Ich erklärte Helga, wo sie in meiner Abwesenheit, denn ich musste zur Arbeit, den Schlüssel finden konnte, um die Wohnung zu inspizieren, und wir verabredeten, uns am Abend in der Ordination unseres gemeinsamen Freundes Werner zu treffen.
Es war ein Wunder, dass sich an diesem Tag keine Fehler in die Zahlenkolonne meiner Buchhaltung schlichen, mit allen diesen Schatten aus der Vergangenheit, die bei der Erinnerung an Helga auftauchten.
Zu der Zeit als ich Helga das erste Mal traf, waren Gloria und ich noch die selbsternannten Königinnen: „Königinnen des Herzens in der großen, klein genannten Welt der Liebe.“ Gloria hatte mich zu dem Treffen mitgeschleppt, damit ich ihr vor der Konkurrentin den Rücken stärkte.
Ich befand mich damals sozusagen absprungbereit auf dem Fensterbrett, auf dem sich meiner beratenden Männerfreunde Theorie über die Hysterie der Frau begründete.
Helga eben war das Fallbeispiel gewesen, denn, so wollte es die Überlieferung, sie hatte zu ihrem Mann gesagt: „Wenn wirklich alles so relativ ist, wie du behauptest, so sinnlos und so leer, wenn die Liebe und in Konsequenz die Treue nichts als eine aufgeblasene Seifenblase sind, dann lass uns doch gleich aus dem Fenster springen.“
Anfangs hatte ich diese Geschichte von Helga brav als typisch weibliche Hysterie geschluckt, aber mittlerweile hatte sich herausgestellt, dass ihr damaliger Mann ein notorischer Fremdgänger war und ich war skeptischer geworden über die Beschreibung der Wirklichkeit durch meine Form- und Ratgeber, die geliebten Männer. Sie kamen mir allmählich vor wie Variationen des Witzes von dem Mann, der immer wieder mit einem Fahrrad zur Grenze kommt und erklärt, dass er nichts zu verzollen habe.
Die Art und Weise, in der sie sich kaltblütig jeglicher Verantwortung für die zeit- und spannungsintensiven Konsequenzen des Geschlechtsaktes in den Frauen entzogen, hatte mich zu diesem Schluss gebracht. Ihre Fahrräder, das was sie schmuggelten, war schiere Sexualität, Gier.
Als ein, wenn auch verzweifelter Versuch, in ihre Gletscherköpfe vorzudringen, schien mir Helgas Aufforderung mittlerweile gut gelungen. Über die Jahre waren immer wieder Meldungen eingeträufelt, wie es ihr erging mit dem Jazz-Musiker, mit dem sie davongelaufen war nach Paris, und ihren beiden Töchtern, die sie vorerst zurückgelassen hatte.
London, Afghanistan, Rom, Heidelberg, Berlin, keinen Szenetreffpunkt hatte sie ausgelassen. Selbstmordversuch, Heroin, vor nichts hatte sie angehalten, kein Klischee der freischwebenden Abenteurerseele versäumt. Bis sie dann in der Zeit, als Gloria und ich gerade aus unseren Ehen und unseren wohlbestallten Puppenheimen ausbrachen und nach Wien zurücksiedelten, in Begleitung des angeblich Heroin dealenden Schwarzen Panthers kurz auftauchte, ihre beiden Töchter nahm und in Saudi Arabien verschwand.
In diesen Tagen, in denen ich strebte, Superwoman, Königin zu sein, war eine andere Frau, die Individualität und originelle Gedanken an den Tag legte, erst einmal Konkurrenz. Dieser Blickwinkel wurde von der Eifersucht umschatteten Perspektive Glorias, die mit dem überlebensgroßen Gespenst der Vorgängerin, die den Mann freiwillig verlassen hatte, rang, noch verstärkt. Sie war von ihm zwar inzwischen geschieden und hatte glücklich einen anderen Mann geheiratet, von dem sie gerade schwanger war, aber ihr Groll gegen Helga hatte sich nicht gelegt. Schließlich war Gloria es gewesen, welche die von der Mutter verlassenen Kinder als Brautgabe bekommen hatte und sich die ersten vier Jahre ihrer jungen Ehe mit deren Störungen auseinandersetzen musste.
Gloria und ich sahen uns in diesen Tagen, sehr zum Ärgernis der gerade abgelegten Ehemänner immer noch als Königinnen. Königinnen unseres auserlesenen Alltagsreiches, der inneren, klein genannten Welt der Familie und ihrer, das Menschenpotential der Zukunft bestimmenden Funktion. Wir waren Furien und stolz darauf, die erdgebundenen Rechte der Menschheit zu hüten.
Wir versorgten die Schleimspur, welche die genetische Einheit Mensch im Laufe des Lebens vom Bett zum Kühlschrank zog. Gemeinsam waren wir stark, für unsere, aus der Reihe des herrschenden Zeitgeist tanzende Gesinnung zu kämpfen.
Glorias unsterbliche Liebe war soweit gelungen, ihr neuer Ehemann ließ einigen Spielraum zur Hoffnung, dass die kühnen Schlösser seiner Träume nicht mit den Wolken verdunsten würden. Mein diesbezügliches Projekt mit einem Ernst verlief gerade im Sand, als wir an einem Nachmittag im September auszogen, um Helga zu treffen. Er war im Schnitt viermal jährlich auf „eine Tasse Tee“ gekommen und verleidete mir, wenn ich ihn nach mehr Nähe fragte, mit seinem Hinweis auf die Bäume draußen, gerade den Buddhismus.
„Sie fragen nicht, sie sind!“
Folgsam war ich jahrelang in die theoretischen Fußstapfen getreten, die er auf dem Weg zum Nichts, Dem Geist, Der Leere zurückließ. In meinen Bemühungen, ihn, den Mann, die Männer zu verstehen, hatte ich Medizin, Philosophie und Juristerei in Büchern und Feldforschung am Objekt studiert. Ihm verdankte ich viele schöne Begegnungen mit interessanten Theorien, aber irgendwie reichte es mir jetzt. Mit der Kraft, mit der ich mir zwischen seinen viermal jährlichen Besuchen unsere Liebe entwarf, mit der gleichen Kraft hätte ich schon einen Roman geschrieben.
Wie in meinem Traum von der Grünen Wolke, in dem ich eine Königin gewesen war, die sich Zugang zu den Männergesellschaften in der Sattelkammer verschaffte und einen Schluck von ihrem heiligen Trank der Erkenntnis verlangte, wie in diesem Traum hatte ich mir im Leben Zugang zu den Rauchsalons, den Gesprächen der Männer verschafft und die diversen Kelche der Erkenntnis tapfer bis zur Neige geleert. Es fehlte nur noch, dass sich der Umstand des Traumes, aus dessen Schmerz die Umstülpung verursacht wurde, in Wirklichkeit umsetzte. Denn da hatten mir meine Berater höhnisch erklärt, der Trank sei aus der Männlichkeit meines Sohnes gebraut worden. Danke, ich konnte verzichten. Ein Detail des Traumes, das ich mit meinen psychophilen Freunden lieber nicht diskutierte. Nicht auszudenken, wie sie das analysieren würden!
Und ich hatte vorgesorgt. Zur Nichterfüllung dieses abschreckenden Teils des Traumes hatte ich eingewilligt, dass mein Sohn ab seinem zehnten Lebensjahr bei seinem Vater, meinem geschiedenen Mann leben würde. Mein Weg zur Erkenntnis sollte ihm nicht seine Männlichkeit kosten.
So war ich damals, als ich Helga das erste Mal sah, an dem Punkt angelangt, wo ich mir nichts mehr einschenken lassen wollte. Deshalb hatte ich mich aufgemacht in die große weite Welt, um mit eigenen Augen zu sehen, ob diese Wahrheit, die mir von meinen Beratern serviert wurde, die einzige Wahrheit war.
Außerdem dachte ich mir, wenn tibetanische Läufer, Derwische und Schamanen fliegen können, dann muss mir das auch möglich sein. Fliegen aus eigener Kraft! Das war organisch, war grün, das war eine Wissenschaft, die ich mir einverleiben wollte!

An dieser größeren Kreuzung meines Lebens überraschte Helga mich als eine elegante Dame, wohl im bürgerlichen Outfit, aber ganz von Welt. Es war nicht die geringste Spur freakischen Chaos, von dem die Geschichten über sie gekündet hatten, an ihr zu sehen. Wegen einer Visa Beschaffung in Wien, hatte sie damals die Gastfreundschaft von unserem gemeinsamen Freund Werner, seines Zeichens Psychiater und Neurologe angenommen. Sie residierte, anders konnte man das nicht bezeichnen, in seiner Wohnung. Einer Wohnung gestyled mit sadistischen Installationen wie selbstgetischlerte Foltertische, die Regale voll pornographischer Kuriositäten an den Wänden einschlägige Gemälde, Fotografien und Kultgegenstände, auf die keine von uns Frauen genauer hinsehen mochte. Ein Szenario, das seinen Schöpfer als potentiellen Patienten auswies.
In der Schlachthausatmosphäre dieser Wohnung hatten Helga und ihre beiden Töchter sich mit ihrem Gepäck im hintersten Zimmer niedergelassen, das noch ungestaltet geblieben war von den Trieben des Hausherren.
Die beiden Mädchen, Glorias ehemalige Stiefkinder, ehemals bis zur Verschlagenheit scheue Geschöpfe, die Helga gerade noch rechtzeitig zu sich genommen hatte, bevor sie in ein Klosterinternat gesteckt worden wären, erfüllten gemeinsam, rank und anmutig, die Haare mit einem Kopftuch zurückgebunden, die Agenden der Teezeremonie, zu der wir geladen waren.
In dem Hinterzimmer, das bis auf ein großes Bett leer war, türmte sich ein Berg von Samsonites, aus denen die Garderobe der Gäste in dem gewissen Schein von Seidenwäsche und Glacéleder quoll.
Ich hielt nicht an mich und überschüttete Helga mit Fragen über ihr Leben in Saudi Arabien.
„Du lebst in Medina? Das ist doch die Stadt, in die keine Ungläubigen hineindürfen? Hast du etwas mit den Sufis zu tun?“
Die Sufis hatte ich bei meinen Reiseplänen gerade hintangestellt, weil es auf ihren Spuren hieß, sich in den arabisch/islamischen Raum zu begeben und davor hatte mich eine Freundin, meine Lehrerin für Expression Primitive, die auf Tanzworkshops in der Welt herumgekommen war, gewarnt: „Diese Menschen haben überhaupt keinen Respekt vor alleine reisenden, ungläubigen Frauen, man ist Freiwild für sie. Nein verstehen sie nicht,“
Helgas Antworten waren reif und wohlgemessen, wie ihre Erscheinung:
„Ich lebe in Medina, weil mein Mann dort ist. Was er dort macht? Nun, er sorgt für uns. Was den Sufismus anbelangt, ich bin Muslimin, ich praktiziere Islam und sorge für den internen Bereich der Familie, das nimmt mein ganzes Sein in Anspruch.“
„Verschleierst du dich?“
„Wenn ich auf die Strasse gehe, dann verhülle ich mich vom Scheitel bis zur Sohle, Zuhause nur, wenn familienfremder Besuch da ist.“
„Wie schaffst du das?“
„Eine Abaya, diesen bodenlangen, leichten Umhang zu tragen ist, als ob du dich innerhalb deines Hauses bewegst. Ist dir nie aufgefallen, wie sehr dein inneres Gleichgewicht von dem, was die Männer aus deiner äußeren Erscheinung schließen, in Unruhe versetzt wird?“
„Ich sehe das als Herausforderung und Zeichen von Reife, meine Ruhe inmitten solcher Anfechtungen zu wahren.“
Sie zeigte keine Begierde, diese Sache weiter zu diskutieren. So wie sie frei war, zu tun, wie ihr beliebte, genauso stand diese Freiheit anderen zu.
„Bist du die einzige Frau deines Mannes?“
„Ja, im Augenblick schon.“
„Was heißt im Augenblick?“
„Das kann sich schnell ändern. Wie jedem Muslim ist meinem Mann erlaubt, mit vier Frauen gleichzeitig verheiratet zu sein.“
„Und wie findest du das?“
„Ich sehne es nicht gerade herbei, doch wenn es geschieht, dann werde ich mich, so Gott will, an Seine Anleitungen zur Sache halten.“
Ihr Glaube hatte nicht den geringsten Anflug von Bigotterie oder egozentrischer Scheinheiligkeit, die mir schon in meinen Kindertagen den Katholizismus verleidet hatten und nun in den diversen Zentren der Yogis, Swamis und Gurus auf die Nerven gingen.
Die Erklärung der eleganten Fassung dieser Frau musste in ihrem Mann verborgen sein. Die Geschichten über ihren Mann, den Neger den Drogen dealenden Schwarzen Panther, Black Muslim waren vielsagend genug. Bei näherer Betrachtung von Helga war nicht auszuschließen, dass hier ein Meister am Werk war, der diese schöne, würdevolle, freie Schwester zu wahrhaft rarer Hingabe bewegte.
Die respektvolle Weise, in der sie von ihrem Mann sprach!
Gloria und ich, die von früh bis spät damit beschäftigt waren, männliche Birnen zurechtzuschrauben und nichts ungeprüft hinzunehmen, wir konnten uns den Luxus solcher klassischen weiblichen Tugenden nicht leisten. Einfach in Würde die Frau eines verlässlichen und verantwortungsvollen Mannes zu sein, war in unseren Kreisen nicht drinnen.
Wir blieben nicht lange. Wir hatten damals nicht mehr als eine Stunde Zeit, wir mussten zurück zu Kindern und Küche. Helga reiste am folgenden Tag nach Paris, um ihren Mann dort zu treffen.
Also verabschiedeten wir uns und gaben unserer Hoffnung Ausdruck, einander wiederzusehen. Aida, wie ihr muslimischer Name war, mit dem sie genannt werden wollte, schenkte mir ein fein besticktes Palästinenserinnenkleid zum Abschied.

So schweiften meine Gedanken über die Buchhaltung, als ein Anruf für mich hereinkam, Helga.
Sie wären jetzt in meiner Wohnung, säßen mit meiner „liebenswürdigen und begabten Tochter“ am Küchentisch, und würden gerne mein Angebot annehmen.
„Wir sehen uns also abends bei Werner.“
Lonis Aufmerksamkeit war geweckt.
„Du hast Gäste Zuhause, wer sind sie?“
Bei einer Tasse Tee musste ich ihr erzählen, und sie war sofort bereit, ein Horoskop über diese Begegnung zu machen. Ich verzichtete, ich wollte mich überraschen lassen. Der Muff, der unter den hermeneutischen Schleiern der Wahrheit hervordrang, wenn sie oder ihr Guru Ehemann unter der schrecklichen Last ihres Wissens über Magie und Erkenntnis ächzten, war mir schon zuviel.
In der Arbeit bei oder soll ich sagen unter ihnen, quasi als Zauberlehrling in der Buchhandlung, hatte ihr Thron in meinem Herzen zu wanken begonnen. Wie bei einem Geliebten der Anblick der zerquetschten Zahnpastatube dich in den Abgrund der Ernüchterung bringt. Es fing schon mit den Katzen an, zwei denaturierten Stubenhockern, die als Wiedergeburten aus dem alten Ägypten niemals mit gehobener Stimme angesprochen werden durften und Dreistern Mahlzeiten zu fressen kriegten. Diese eingebildeten, trägen, kastrierten Biester saßen haarend auf den Ikea Sesseln des Büros, und ihre Haare hafteten dann auf dem schwarzen Seidenpullover, mit dem ich mich für den Abend schön gemacht hatte.
Lonis Guru Ehemann hatte sich in der letzten Zeit bereits über die Farben meiner Kleidung beschwert, ich frönte nämlich der Theorie, dass jeder Tag seine Farbe hatte. Er zog süffisant schnüffelnd über meine Chamade Wolke her, in die ich mich einzuhüllen pflegte. Kurz, unsere Geschmäcker waren verschieden.
Ich goutierte sein Outfit schließlich auch nicht.
Ausgebeulte Hosen, immer am Herunterrutschen, ausgelatschte Pullover Spezialanfertigungen der Marke Schnellstrick und dazwischen ein schlampiger Bauch, herausquellend. Gar nicht zu reden von den grauen Unterwäscherändern, die sich zeigten. Dazu die Nöte der Hilfesuchenden, derer er sich kaum erwehren konnte.
Und Loni mit ihrem schallgedämpften Sein und ihren Zahn- und Kopfschmerzen, die mich wünschen ließen, sie würde sich statt einer Massage einen wirklich guten Rat von mir geben lassen wie: Nimm zur Abwechslung einen Zug frischer Luft und schrei einmal laut!
Dazu all die Möchtegern Hexen, Gnome, Reinkarnationen und Magier, die täglich im Geschäft auftauchten. Die Geheimen Wissenschaften verloren ihren Glanz für mich rapide, seit ich durch meine Arbeit vor Ort eine Eingeweihte war. All diese Menschen brauchten vorerst einmal praktische Menschenhilfe, Mitgefühl und tatkräftige Unterstützung im Alltag, ganz gewiss kein weiteres Herumschmökern in den lasziven Umtrieben eines Alistair Crowley.
Die äußerste Weisheit, die ich im Umgang mit Weisheitsliteratur gefunden hatte, war, dass du einen Guide brauchst, einen Meister, der dich auf dem Weg zur Erleuchtung durch das Chaos des Scheins und der opportunen Gewohnheiten führt.
Die Astrologie brachte es auch nicht. Selbst unter den autorisierten Fittichen meiner zwei Meister hier, verschaffte mir die Übersicht, nach welchen Gesetzen die Stränge des Schicksals gezogen werden, keine Erleichterung im aktuellen Ertragen. Im Gegenteil, beim Anblick der sich unweigerlich in der logischen Bewegung der Planeten ergebenden Quadrate wurde ich schon im vornherein lebensmüde.
Zu wissen, dass Mars munter voranstrebt und Pluto in seinen trägen Bahnen sich dem Todeshaus in Scorpio, dem Haus der Wandlung, nähert, erleichtert das Gewicht des Tages nicht.
Was halfen da die schönsten Trigone im Geburtshaus, an deren Luxus du längst gewöhnt warst, wenn doch die Planeten niemals stehen blieben, oft sogar rückläufig waren und unweigerlich immer wieder Schatten auf deine besten Konstellationen, deine Talente warfen?
Dazu waren die zu ziehenden Schlüsse immer von der Vorstellungskraft des Interpreten begrenzt. Analysen waren von Biokurven der Stunde getragen und nicht freier von egoistischen Nebengedanken als der Beistand eines beliebigen Psychologen oder Psychotherapeuten.
Sie konditionierten den Bedürftigen für eine Welt, in der nicht die Patienten, sondern die Berater zur Erholung ihren teuer bezahlten Urlaub in exotischen Paradiesen verbrachten.
Dazu brauchte es gewöhnlich gehörige Dosen Kokain, Preludin oder Valium und dergleichen, um sich auf die clairvoyante Ebene einzustimmen. Man hielt sich gar epileptische Anfälle als Prophetensiegel. Mir war Gesundheit ein zu hoher Preis für Erkenntnis.
Loni war so paranoid geworden von der Imagepflege als Hohe Priesterin, dass es ihr auf den Strassen der Wiener Innenstadt gelang, grau wie die Schatten der Steinmauern zu werden mit denen sie auf ihren unvermeidlichen Geschäftswegen verschmolz. All das allein um nicht erkannt zu werden von den Fans, den Kunden, diesen verlorenen Kreaturen, die oft wie das Grauen und die Finsternis selbst in den Laden gekrochen kamen.
Ein Anblick, der in mir das Bedürfnis weckte, aufzuspringen und mit meinem eigenen Leib diese Verstörten vor den Regalen der Magie zu schützen, zu denen sie hinstrebten. Dazu die bestsellernden Autoren, die auf PR Tour auftauchten! Sie, die über alles schrieben, was man vor, während und nach dem Leben erfahren konnte, sahen aus wie Mastschweine, die ihre eigenen Kinder verschlangen.
Nein danke, ein Horoskop der bevorstehenden Ereignisse wollte ich nicht, ich ließ mich lieber überraschen.
Ich brachte meine Zahlensoldaten brav in die richtige Endsumme, ihre Kaserne nach Hause und entschwebte zu meiner Verabredung in einer frisch aufgesprühten Wolke Chamade.

Werners Ordination befand sich in einem Barockpalais der Innenstadt. Hohe, weite, ehrwürdige Räume, im neuesten Insider Design, ganz blendend gebrochene Perfektion. Sie beherbergte unter anderem eine riesige Zimmerpalmenfamilie, die einen oxygenen Kontrast zu den erstickenden Schmierwerken zeitgenössischer Künstler, die er sich als pflichtbewusster und ambitionierter Kunstförderer an die Wand hängte, bildeten.
Unter einer dieser Palmen geschah es, dass ich Arture, Helgas Mann, das erste Mal sah.
Blue Jeans, eine dunkelbraune chinesische Seidenjacke, die mit seiner Haut um die wette schimmerte, schwarzes Hemd, Cowboystiefel, die schwarzen Rastalocken seltsam nackenkurz und glänzend. (Es war 1984, noch bevor Eddie Murphy die Welt mit dem Jheri Kurl vertraut machte)
Auf den ersten Blick sah er aus wie irgendein Neger unter einem Palmenbaum, ein bisschen zerzaust und staubig von der Landstrasse. Helga und er kamen auf mich zu und begrüßten mich mit herzlicher Wärme. Eine Art von Freundlichkeit, die mir als coole Citycat der Szene meiner Heimatstadt Wien vorerst einmal suspekt war. Wir sind so, hier in Wien. Unvoreingenommene Freundlichkeit halten wir für naiv. Man zeigt Abgebrühtheit gegenüber den Gefühlen des Herzens, der Erfolgreiche hat sich eine sorgfältig dosierte Freundlichkeit antrainiert, die nichts vergibt. Zuviel Gefühl ist gleich Schwäche, das waren die Regeln, an die auch ich mich hielt in diesen Tagen. Ich orientierte mich an den Signalen von Kleidung. Meine Signale waren das Rauledersakko für Dame von Welt, lange Beine in Bluejeans für Unabhängigkeit, schwarze Sämischstiefeletten und der schwarze Seidenpullover für Sexappeal. Lippen rot, die Haarpracht vom Windstoss frisiert, bereit meinen Platz am Gipfel des Empire State Buildings einzunehmen.
Diesem Macho von Helga da, der erst meine Wohnung inspizieren musste, dem würde ich nichts schuldig bleiben. Mein Workout an den Manieren des Herzens war weltweit, meine vorurteilslose Unvoreingenommenheit geeicht und in zu Noblesse verpflichtender, humanistisch gebildeter Intelligenz sorgfältig verankert.
In einem blizzardgleichen Minimum an Zeit fand ich mich mit dem schwarzen Mann in einen Dialog verstrickt, der von großen Worte schwirrte. Einheit allen Seins, Selbstverwirklichung, die Essenz alles Lebendigen, die Sprache des Herzens und seine Manieren, die absolute Wahrheit. Gewürzt mit Zitaten aller möglichen Autoritäten des menschlichen Bewusstseins: Arthur Rimbaud, Wolfgang Amadeus Mozart, Einstein, Buddha, van Gogh in etwas, das - halt! – gar kein Dialog war, sondern die Vorwegnahme meiner Anliegen und Argumente.
Jazzmusiker war er, hatte mit John Coltrane, er nannte ihn Trane, gespielt, jetzt schrieb er. Ich, die sich für keine Rassistin hielt! Ich bildete mir ein, ich hatte meine Lektion über Rassen in den Schluchten von NewYork, dem brodelnden Suppentopf der Nationen, bei den Emigranten aller Länder im Universitätscampus von Ottawa, dem schwarzen Dienstpersonal in den herrschaftlichen Villen Baltimores und auf den heißen Pflastern von Mexiko City oder Damaskus gut gelernt. Schwarze und alle anders als weiß farbige Rassen waren für mich Repräsentanten einer Kultur, die nicht aus dem Kopf, sondern aus dem Bauch kam, Tänzer und Musiker. Ein schwarzer Mann, der mir etwas über Schopenhauer und E=mc2 erzählte, war in meiner Kulturgleichung nicht vorgesehen.
Wir gingen mit Werner in die In-Bar und standen dort mit unseren Getränken in der Hand eine ganze Weile herum. Nippten an den Gläsern und betrachteten die Leute, die uns betrachteten. Meine jüngere Tochter Maya gesellte sich freudestrahlend zu uns. Zum Glück hatte ich die Fehde mit Zoe, der älteren am Tag davor, der ihr Geburtstag war, beendet. Es war nicht auszudenken, wie sich ein solcher Schandfleck in meiner Vita vor diesen Besuchern ausgemacht hätte.
Werner wurde bei soviel harmonischer Atmosphäre sichtlich nervös. Seine Verbitterung über den amputierten Anteil, den er seiner Meinung nach in der Welt der Gefühle hatte, wurde in angenehmer Atmosphäre immer akut. Seine Freizeit in Gesellschaft eines charismatischen Mannes zu verbringen, dem alle Herzen, egal welchen Geschlechts zuflogen, war Verschwendung. In so einem Licht rekelten sich sogar die Schlitzröcke wohlig, hinter denen Werner in seiner Freizeit so besessen her war.
„Die Wahrheit! – wenn ich das schon höre, die Wahrheit ist, dass mir mein Schwanz nicht steht, wenn ich eine Frau habe.“
Unser Dr. der Psychiatrie und Neurologie verabschiedete sich.
Arture wollte uns in ein gutes vegetarisches Restaurant zum Essen einladen. Wir entschieden uns für die Bhagwanis, die gerade im Zuge ihrer weltweiten Wirtschaftsexpansion auch hier in Wien ein Restaurant eröffnet hatten, das mit einer Disco kombiniert war.
Zur Speisekarte fragte mich Arture:
„Und warum bist du, mit deinen spirituellen Interessen, denn nicht beim Bhagwan gelandet?“
„Zugegeben, sie sind tüchtig, und die Leute haben damit auch offensichtlich ihren Spaß, aber gerade in letzter Zeit hat mir die neueste Verordnung von Bhagwan den Rest gegeben. Seine Empfehlung an die Jünger, sich wegen der aufkommenden Seuche Aids beim Sex nicht nur mit Präservativen, sondern auch mit Gummihandschuhen zu rüsten, finde ich einfach lächerlich.“
Wir gaben unsere Bestellungen auf und ich wunderte mich immer mehr über Helga, die eine stupende Passivität an den Tag legte. Mit gesenktem Blick saß sie da und folgte, ohne die Miene zu verziehen, den Ausführungen ihres Mannes. Ich vermisste die Zeichen. Für gewöhnlich schnitten die Frauen, mit denen ich verkehrte, früher oder später, mehr oder weniger charmant mit einem Kommentar ein, wenn ein Mann das Gespräch an sich nahm. Nicht so Helga. Darüber hinaus zog er sie immer wieder wie ein Nachschlagwerk zu Hilfe. Sie bestätigte und vollendete Zitate, war exakter Quellennachweis oder einfach Beauftragte das Gesagte in ihren Worten zu wiederholen, wenn wir Verständigungsschwierigkeiten hatten.
Mir gefiel die brisante Eleganz mit der dieser schwarze Arture in uns hineintauchte, die Wahrheit beim Schopf packte und zärtlich daran rüttelte.
„Ist er immer so?“ Wandte ich mich an Helga, die er Aida nannte, weil ich eine Absicht dahinter vermutete.
„Milch und Honig,“ bestätigte sie, „Zuckerbrot und Peitsche mit der gleichen Intensität.“
Wenn man zu viert in einem Restaurant zu Abend isst, hat man als zivilisierter Mitteleuropäer speziell im Herzen der Welt, in unserem Fall Wien, die Gepflogenheit einer kleinen Konversation. Eine kleine Konversation ist wie ein Pingpongspiel. Man spricht miteinander, spielt sich Bälle zu, es wird geschmettert und geschnitten, jeder kommt dran. Im Idealfall geht es nicht um das Platzhirschentum, jeder stellt sich dar, man tauscht Erfahrungen aus, ganz nach Temperament.
Arture unterhielt uns so gut, dass wir uns kaum die Mühe machten das Essen anzurühren, das bald vor uns auskühlte.

„Das Herz,“ sagte Arture, „unser Herz ist das Lebendige in seiner Essenz, der Same im Menschen, den es zu hüten gilt. Es ist wie ein Spiegel, auf dem die sichtbaren und unsichtbaren Erscheinungen der Welt reflektiert werden. Wir, wir pflegen diesen Spiegel, wir polieren ihn tagaus tagein.“
Wer „wir“ waren, fragte ich erst gar nicht, nur allzu bereit ging ich davon aus, dass „wir“ wir alle, wir Menschen bei Verstand, waren.
„Unser Aufenthalt in dieser Welt ist wie ein Zwischenaufenthalt in einem Flughafen, wir sind angekommen und werden diesen Aufenthaltsraum verlassen, wenn unsere Anschlussverbindung abgeht. Alles, was wir hier tun können ist, diesen Sender, den ingeniösen Mikrochip, nämlich unser Herz, zu warten, vom Staub, der sich mit der Zeit ergibt, reinzuhalten.“
Ich quälte mich, ein intelligentes Argument einzubringen, bis mir dämmerte, dass auch die Sucht, in einer illustren Versammlung von klugen Menschen ein paar Worte beizusteuern, nur eine Gewohnheit war, Staub, der wegpoliert gehörte. Eine der Gewohnheiten, die ich in den Registern meines Herzens einzig und allein für meine Geltung im Wettbewerb der Persönlichkeiten, der Masken hortete.
„Ein außergewöhnliches Individuum sein,“ sagte inzwischen Arture und wandte sich an meine Tochter, „ein außergewöhnliches Individuum – die Kreatur in ihrem pursten Zustand ist ein Teil des universalen Ganzen. Es ist Krankheit, eine Seuche des Herzens, zudeckender Staub, danach zu streben ein außergewöhnliches Individuum zu sein. Nur durch Reinhaltung des Herzens kann der Mensch sich auszeichnen und selbst das, die Fähigkeit dazu, ist eine Gnade Gottes.“
Artures Worte, die kamen, als ob er meine Gedanken lesen würde, durchdrangen mein System bis hinunter zu den verwegensten Hoffnungen meiner Träume, die gerade eben noch so verzagt gewesen waren, dass ich den ominösen Gott sogar um Hilfe angefleht hatte. Mein Herz zitterte und pochte und verlangte ungestüm von mir, die rechten Fragen zu stellen. Parzivals Geschichte mit dem Gral fiel mir ein, der seine Chance beinahe versäumte, weil er die rechte Frage nicht zu stellen verstand. Nun war es nicht mehr die Frage von Pointen, die der Unterhaltung beizusteuern waren, sondern meine Hoffnung selbst, die aufgewacht war und stürmisch an die Wände meines Herzens pochte.
Die Hoffnung, dass es ein alles umfassendes Ganzes hinter der Erscheinungswelt gab, ein Bewusstsein, das Mittel und Wege hatte, mit mir in Verbindung zu treten. Die Bruderschaft der Liebenden und mein Guide, mein Meister! Ich erzitterte vor diesem schwarzen Mann mit seinen Cowboystiefeln aus Krokodilleder. Ich war drauf und dran, diesen ungeheuren Menschen zu fragen, ob er von der Grünen Wolke meiner Träume sei.
„Ich, was mich anbelangt, ich bin vom Mars, ET ein Extra Terrestial“, sagte er in scherzhafter Beantwortung der unausgesprochenen Frage.
Er war offensichtlich vom Scheitel bis zur Sohle ein übermenschliches Wesen. Seine Recherchen waren tiefer ins Leben geschnitten als die irgendeines meiner Berater zuvor. Seine Erkenntnis vom Sinn des Lebens war umfassender als alles, was mir bisher begegnet war. Und nicht nur das, er trug dieses Wissen großzügig und frei an, unbeschwert von egoistischen Nebengedanken. Er verfügte über die selbstverständliche Gelassenheit der Meisterschaft. Mehr noch als seine Worte in ihrer knappen Vollständigkeit schnitt sein Lächeln durch die Befestigungen, hinter denen ich meine Hoffnungen verwahrte. Er sah geradewegs auf meine intimsten Wünsche, die ich in unserer zynischen Kunstszene hier verborgen hielt und denen ich nur heimlich zu frönen wagte. Die Barmherzigkeit, mit der er auf meine Sehnsucht blickte, war größer als meine eigene! Er erinnerte mich an den schwarzen Mann meiner Träume der vergangenen Nächte. Er erinnerte mich an den Anführer meiner Gefährten auf der Grünen Wolke.
Diese faszinierende Kreatur männlichen Geschlechts, die mir da am Tisch gegenüber saß – nicht etwa eine alte Hexe, die an meine Tür klopfte, und mir aus der Hand zu lesen anbot, wie ich mir das im Panoptikum meines Weltbildes gerade noch vorstellen konnte, auch nicht ein pergamentener Alter mit Schlitzaugen, sondern ein gut aussehender Mann, in den besten Jahren, ein Schwarzer, der offensichtlich ein Star im Musikerhimmel war, sollte womöglich mein Guide, mein Meister sein? Mein himmlischer Bruder vom Paradies der Grünen Wolke?
Ich war vorsichtig geworden auf meinem Weg. Die letzte Erfahrung mit Loni und ihrem Guru-Ehemann, war schmerzhaft frisch. Ich wusste, die Sehnsucht nach der absoluten Wahrheit war so stark in mir, so unbändig, dass sie dazu neigte, die Realität nach ihren Wünschen zu biegen.
All diese Gurus Swamis und Jogis, deren Lebenstüchtigkeit sich in stromlinienförmigen Autos und Bankkonten ausdrückte, gleich denen, für die ich gerade die Buchhaltung mit dem Gold meiner Frühlingstage führte. Die in der Rolls Royce Türe eingequetschte Hand, der Zweitwohnsitz am Land, die Latifundien an Auslandsgesprächen. Ich hatte schon zu viele meiner Tage verschwendet, in denen ich ihnen auf Wegen zur angeblichen Wirklichkeit gefolgt war und mich in egomanischen Einbahnen wiedergefunden hatte. All diese Gaukeleien von Magie der Macht, die schließlich in von Stacheldraht umgrenzter, Alarm gesicherter Einsamkeit endeten!
War ich schon wieder auf den Leim gegangen? Und diesmal einem Neger? Was für dunkle Eigenschaften versteckte dieser buchstäblich schwarze Panther?
Doch die Geschichte von Parzival und dem Gral!
Wie setzte man an? Wie verleihe ich einer solchen Frage ausreichend Spannung um beim Backlash, dem möglichen leeren Rückschnalzen, nicht zu hart zu fallen? Wie schaffe ich es, mich mit so einer Frage nicht lächerlich zu machen?
„Bist du mein Guide, mein Meister?“ Schien mir letzten Endes doch zu naiv, also fragte ich:
„Wer bist du?“
„Wer glaubst du, bin ich?“
„Bist du ein Zauberer, ein Magier?“
„Ich bin nichts von all dem. Ich bin gekommen, dich an das zu erinnern, was du vergessen hast.“
Was könnte ich vergessen haben? Dass Gott existiert und von Seinen Geschöpfen Hingabe verlangt? Das war doch der alte Hut.
Ich möchte in deinen Schuhen stecken, Fischer. Ich möchte das tun, was du tust. Ich möchte können, was du kannst. Ich möchte so schön und elegant meines Menschseins mächtig sein, wie du. Ich zeigte auf seine Stiefel aus Krokodilleder: „Weißt du, ich möchte nämlich solche Stiefel tragen, wie du.“ Und kam mir schlau vor mit dieser Bemerkung. „Wie ist es, kannst du mir das Fliegen zeigen, das Fliegen aus eigener Kraft? Das ist, was ich eigentlich lernen will.“
„Er kann dir all diese Sachen zeigen“, sagte Aida nun.
„Frage mich keine Fragen, ich bin in diese Stadt gekommen, um Urlaub zu machen, aus keinem anderen Grund“, meinte er dazu und: „Wer sein wahres Selbst gefunden hat, der kennt die ganze Schöpfung. Im Grunde, in der Essenz, ist alles das Gleiche. Alles ist ein Ebenbild Gottes, Allah. Und so wie Gott, Allah, Das Eine ist, so ist alles Das Eine, mit unzählbaren Arten und Weisen, sich auszudrücken.
Haben wir das Recht zu sagen, alles, was wir in dieser Zivilisation lernen ist wahr und gut? Nur weil es über die Jahrhunderte so gehandhabt wurde, von unseren Vorfahren, den Vätern unserer Väter? Siehst du nicht, wie unrecht wir haben, wie unterdrückt wir sind von einem mächtigen Bösen? Man tut, als ob es ein Spiel wäre, aber es ist kein Spiel, es ist eine Krankheit des Herzens, eine Krankheit, die sich über Jahrhunderte in den Herzen der Menschen breit gemacht hat. Das ist nicht von einem Tag zum anderen entstanden, und es ist so verbreitet, dass nun sogar alles, was noch gesund ist, als Krankheit gilt. Schwarze, Rote und Gelbe hassen die Weißen für das, was ihnen angetan wurde. Und die Weißen sind krank, weil sie sich weit von ihrem wahren Selbst, ihren wirklichen Bedürfnissen entfernt haben.“

Nachdem wir das Essen schließlich doch ein wenig gewürdigt hatten, gingen wir hinunter in die Disco, wo dank der fortgeschrittenen Stunde schon einige Leute, hauptsächlich Baghwanis, erkennbar an den Rot-Schattierungen ihrer Gewänder, herumstanden. Wir bestellten uns etwas zum Trinken und sahen dem zaghaften Treiben auf der Tanzfläche eine Weile zu.
„Ich komme mir vor wie im Fegefeuer,“ bemerkte meine Tochter, „all diese Typen die sich schütteln und rütteln und zitternd wie ängstliche kleine Flammen flackern.“
„Jeder Mensch ist ein Spiegel mit zwei Gesichtern. Eines ist Der Schöpfer und eines ist die Schöpfung. An dem Flackern der Flammen, wie du es nennst, sieht man, wie wenig die Menschen ihr wahres Selbst kennen.“ Arture betrachtete nachdenklich die schüttere Menge auf der Tanzfläche.
Nun sind die Österreicher nicht gerade ein Volk von Tänzern. Obwohl aus dem gleichen Heimatboden gediehen wie der Donauwalzer, standen sie anno domini 1984 in den Tanzpalästen und Diskotheken hauptsächlich herum, ließen sich mit Alkohol vollaufen und schauten mit zynischem Auge auf die tanzende Menge, sich verächtlich an Gefühlen delektierend, die ihresgleichen auf der Tanzfläche zur Schau stellten. Begreiflicherweise hüteten sie sich davor, selbst zu tanzen, geschweige denn, ihre Gefühle auf den Wellen der Musik zergehen zu lassen.
Ich fädelte mich am Tanzboden ein. Ich tanzte gerne. Kein Schritt oder Image lähmte mich, ich wog mich mit Freude in den Windungen der Musik.
Mit Tanz hatte ich mich bei meinen Feldforschungen zur Kunst des Fliegens gründlich auseinandergesetzt. In den standesgemäßen Ballettstunden und dem Gehör bildenden Klavierunterricht meiner Kindheit hatte ich ein vertrautes Verhältnis zu Klang und Rhythmus der Musik gewonnen, später, bei Jazztanz und Steppkursen, über Expression Primitive bis hin zu Yoga und TaiChi den meditativen Effekt im Gleichmass der organischen Bewegung zu schätzen gelernt. Nun beherrschte ich die kontrollierte Selbstvergessenheit im Tanz. Kontrollierte Selbstvergessenheit, wenn dich nichts mehr kümmert, die Bewegung von innen heraus stimmt, weil sie sich ganz den Gesetzen des Körpers und seiner Harmonie zur Musik anvertraut. Alle anderen Kriterien wie, wie sehe ich aus, wie steh ich da, was denken sich die anderen von mir, eben das, was die Menschen am Tanzen hindert, hatte ich längst abgelegt.
Aida und Arture hatten sich unter die Tanzenden begeben. Die Bewegung des Pulks veränderte sich, kaum dass der schwarze Mann die Tanzfläche betrat, es war, als ob plötzlich ein magnetischer Pol entstanden war, an dem alles Flackern verebbte.
Arture hatte vorher den DJ bestochen, und statt des militärischen Europops gab es nun Soul: Gap Band, Michael Jackson, Marvin Gay, Stevie Wonder. Die flackernden Seelen waren gerafft wie ein Segel im Wind, und das Tanzboot schwebte einträchtig über die Wellen der Musik. Ein Friede, nur dann gebrochen, wenn ein berauschter Zombie sich unter den Augen des Negers fand und sein Karneval in Rio Ding abzog, ein Gespenst, das immer bald unter Nichtbeachtung in sich zusammen sank.
Nach einer Weile brachen wir auf zu neuen Ufern. Auf dem Weg durch die Nachtstrassen hängte sich Arture zwischen Aida und mir ein und erklärte mir zu seiner sanften unbeirrbaren Last an meinem Ellenbogen: „Ich will mir eine neue Frau finden, die alte ist schon etwas müde im Getriebe.“
Verblüfft über diese, mich roh anmutende Öffentlichkeit sah ich hinüber, was Aida dazu zu sagen hatte. Ihr Lächeln verriet keine schmerzliche Regung. Der Gedanke überfiel mich heiß. Die Frau eines solchen Superstars am Männerhimmel sein! Zweitfrau. Etwa ihr, der Schwester, Glück wegnehmen? Vergessen wir das lieber.
Wir inspizierten die Szenelokale der Stadt, und ich wand mich unter der Bussi-Bussi Kultur der Schulkollegen meiner Töchter, die dort so hipp und bisexuell herumstanden. Diese neue Generation hatte mit Bisexualität gerade dem alten Fass der antiautoritären Erziehung den Boden ausgeschlagen. Hetero war ausgereizt, homo neuerdings in.
Die heißeste Bar der Saison war gestylt wie ein Bühnenraum hinter den Kulissen. Container standen herum, die Wände waren vollgeklatscht mit Plakaten und schüchternen Grafitti Versuchen. Hard Rock dröhnte über die Lautsprecher, und in einer Dunstglocke aus abgestandenen Bier und Zigarettenrauch waren über den stadtgrauen Denim Shirts und Jeansjacken kaum Gesichter wahrzunehmen. Man saß auf Autoreifen und stellte das Glas auf umfunktionierten Mülltonnen ab.
Wenn eine Frau wie Aida unnütz und schäbig war, was war ich dann? Und noch einmal, was für eine Grausamkeit, so von seiner Frau zu sprechen, noch dazu vor ihr?
„Ein Muslim kann mit vier Frauen zugleich verheiratet sein.“
„Ja, ich weiß, aber ich kann mir das nicht vorstellen.“
„Du hast es noch nie mit richtigen Männern zu tun gehabt. Ein richtiger Mann weiß Verantwortung zu tragen und versteht es, ein Environment zu schaffen, in dem seine Frau sich entfalten kann.“
„Ich halte nichts von Vielweiberei.“
„Diese Männer hier, mit denen du zu tun hast, sie verstehen nicht einmal mit einer Frau zu reden, geschweige denn, sie richtig zu behandeln. Schau sie dir doch an. Sie benutzen Frauen wie Konsumgut, wechseln sie wie ein Hemd und werfen sie weg, wenn sie sie satt haben. Sie haben mehrere Geliebte und fühlen sich für keine verantwortlich, ist das etwa die Welt deiner Träume?“
Als wir am Ende der Nacht schließlich in die Wohnung zurückkehrten, mussten wir erst über das Konvolut der Koffer klettern, welche die Gäste am Nachmittag im Vorzimmer abgestellt hatten. Gewiss der größte Gepäcksberg, den ich je an zwei Leuten gesehen hatte. Vier große Koffer, Reisetaschen, Pakete.
Maya hatte ihnen zu meiner Verblüffung schon ihr Zimmer angeboten, das ersparte mir größere Räumereien zu so später Stunde. Ich brachte das nötige Bettzeug herbei. Sie kamen aus der Wärme des Wüstenwinters, ihnen war kalt.
„Gibt es einen Taperecorder?“
„Er entspricht nicht gerade den Standards der High Fidelity, aber er spielt.“
„Was für Musik gefällt dir?“
„Bob Dylan, Jimi Hendrix, Rolling Stones, Carlos Santana, Miles Davis. Es gibt einen Berg von Tapes in meinem Zimmer, bitte bedient euch.“
Arture legte eine seiner Kassetten ein, und ich braute eine Gute Nacht Schokolade. Zuerst merkte ich gar nicht, dass da zwei waren, die sangen, total harmonisch und schön. Stevie Wonder mit seinem We can’t concieve the beauty of it all und der schwarze Mann an meinem Küchentisch, melodisch darüber und darunter.
Meist fand ich es peinlich, wenn Menschen im häuslichen Rahmen ihre Stimme zum Lied erhoben. Ich hatte schon einige Sänger aus der Nähe singen gesehen, Barden und opernreife Mezzos, Zigeuner und Heurigensänger, und ich hatte geschulten Stimmen zugehört, deren Volumen so groß war, dass sie in engem Raum auf deiner Halsschlagader Flamenco tanzten. Gloria und ich sangen kess und innig in wild blühender Zweistimmigkeit unser Repertoire an Volksliedern.
Alles war in den Schatten gerückt von der Stimme des dunkel glühenden exotischen Mannes an meinem Küchentisch, die sich ungebrochen von Eitelkeiten auf den verschlungenen Pfad einer Melodie begab und eine nur allzu wahre Geschichte erzählte: We can’t concieve the nucleus of all. Das Lied kletterte in zärtlichen Wellen über die Haut und ergoss sich mit der Gischt eines Wasserfalles in mein Herz.
Der Morgen dämmerte schon, als wir uns in die Zimmer zurückzogen und zur Ruhe begaben.

Als ich am nächsten Tag nach ausführlichem Morgenritual in die Küche kam, saß Arture schon da, in grünem Lungi und schneeweißem Unterhemd, einen Kranz Holzperlen in der Hand, die er mit abwesendem Blick stetig durch die Finger gleiten ließ.
Ja, eine Tasse Tee würde er gerne trinken.
Nach dem ersten Schluck setzte er die Tasse ab und bat mich, das Ganze noch einmal aufzuwärmen, denn: „Ich trinke meinen Tee heiß und stark.“
Pikiert über die ignorante Extravaganz dieses Banausen, der meinen, nach allen Regeln der Kunst zubereiteten Darjeeling Second Flush nicht zu würdigen wusste, schüttete ich das edle Gebräu in einen Kochtopf und ließ es aufkochen.
Arture strahlte eine Unberührbarkeit aus, die mich veranlasste, die Handgriffe in der Küche möglichst unauffällig zu erledigen.
„Ich mag deine Wohnung,“ sagte er, „gleich als ich hereinkam und die Bilder, die du gemalt hast und die Bücher im Regal sah, wusste ich, wir können deine Gastfreundschaft annehmen. Die kreative Atmosphäre hat mir mehr über dich gesagt, als du dir vorstellen kannst.“
Er hatte ein Buch über Zen Buddhismus vor sich liegen, in das er immer wieder mit Kugelschreiber Anmerkungen kritzelte. Als Aida sich zu uns gesellte, wagte ich wieder eine meiner intelligenten Fragen:
„Warum füllst du das Buch mit Randnotizen an?“
„Damit meine Frau und alle anderen, die dieses Buch lesen, die Bedeutung richtig verstehen.“
Aida sah mir nicht aus wie eine, die ein Buch nicht zu lesen verstand, und auch nicht wie jemand, dem man dauernd vorkauen musste, wie zu denken war. Nichts von dem, worüber er sprach, war neu für mich, und sie, als seine langjährige Gefährtin, kannte seine Philosophie inzwischen sicher schon auswendig. Warum musste er uns ständig belehren?
Doch da war die Art, wie er über diese Dinge sprach, eine Art, wie sie mir noch nie untergekommen war. Zum Beispiel das Böse. In seinen Worten wurde das Böse zum lebendigen Ding, war nicht mehr als Fabelwesen mit Bockfuß in die Geschichte gebunden, in seinen Worten erschien das Böse als lebendige Kraft, die sich in unzähligen, unerwarteten, unbekannten Formen und liebgewonnenen Masken im Leben der Menschen breit machte, uns verführte und dann im Jammer sitzen ließ:
„Ich? Ich habe dich nur gerufen, aber du, du bist mir gefolgt. Was benutzt du denn deine Freiheit nicht, auf die du dir soviel einbildest?“
Er sprach von der Stunde, die unweigerlich im Leben eines Menschen kommt, in der seine Sinne, seine Gliedmassen und seine Haut Zeugnis ablegen werden über seine Taten.
„Das Böse kann mächtig sein, wie im Dritten Reich. Schau dir die Juden damals an,“ meinte er, „gebildete, verfeinerte, mächtige Menschen. Und doch waren die meisten von ihnen nicht imstande, die Zeichen der Zeit rechtzeitig zu deuten, und wenn sie schon nicht gegen das Böse ankämpfen konnten, dann doch wenigstens ihren Besitz aufzulösen und in die Emigration zu gehen. Ähnlich verhält es sich jetzt mit den Menschen der westlichen Welt. Sie sehen die Zeichen des Untergangs, sie deuten daran herum und spielen ihre Spiele damit, aber sie sind nicht imstande, die Konsequenzen zu ziehen, die sie vor dem sicheren Untergang bewahren würden. Sie haben aus der Geschichte nichts gelernt. Millionen von Menschen folgten damals dem Unheil bedenkenlos in eine Strasse ohne Wiederkehr. Niedertracht und Verrat hatten sich unter einem gefälligen Vorwand in ihren Herzen breit gemacht. Heute, nachdem diese Erscheinungen durch die Folgen demaskiert sind, wiegt sich die nächste Generation in dem Glauben, ihr könne derartiges nicht passieren. Das Böse aber erntet gnadenlos weiter, es hat nur eine andere Gestalt angenommen, die wieder einmal gefällig ist.“
Das Böse, von dem er sprach, war offensichtlich nicht allein das andere Ende von gut, sondern eine intelligente Kraft mit einem mächtigen Eigenleben, vor der es auf der Hut zu sein galt, und die man wach und beständig bekämpfen musste.
„Schau doch die Berge von Lebensmitteln an, die in der selbsterkorenen Ersten Welt zur Aufrechterhaltung der Wirtschaft vernichtet werden, die Drei-Stern-Mahlzeiten der Überflussgesellschaft, mit denen sich die Menschen voll stopfen, während zur gleichen Zeit auf anderen Flächen des selben Planeten die Menschen verhungern.
Die Menschen der westlichen Welt reden sich ein, sie seien die Anführer und Lenker der Geschicke der menschlichen Rasse. Während zur gleichen Zeit, außerhalb dieser selbstherrlichen Ersten Welt die anderen ihnen vorerst ruhig zuschauen, die sich ausbreitende Seuche sehen und keinen Funken Mitgefühl übrig haben, um zu helfen, nach dem, was ihnen im Lauf der Geschichte von dieser Zivilisation angetan worden ist.“
Ich fühlte mich plötzlich gar nicht wohl in meiner weißen Haut, bequem am Rande der ersten Gesellschaft angesiedelt, mit blauem Blut und Hausherren-Ahnen.
Lonis Guru Ehemann hatte mich mit seinen düsteren Prophezeiungen zu Plutos Eintritt in das Todeshaus schon genervt, Nostradamus war mir ein Begriff, und nun saß da dieser faszinierend weltgewandte schwarze Panther an meinem Küchentisch und machte mir die Welt restlos unbehaglich.
Ich, in meinem weißen Brautkleid mit dem Judenfleck – die entsprechenden Vorfahren waren natürlich Bankiers – hatte doch beflissen die Überschau alles menschenmöglichen Wissens gepflegt. Alles das war womöglich Symptom der überhand nehmenden Seuche?
„Du, wer du bist, woher du kommst, und was du gemacht hast, das ist mir vollkommen gleich. Ich schaue nicht auf Äußerlichkeiten, ich schaue auf das Herz, denn es ist das Herz, das Allah von uns will.“
Ich war ja froh, dass endlich einmal das Herz gefragt war, nicht der heutzutage auswechselbare Muskel, sondern dieses im Körper nicht lokalisierbare Organ der menschlichen Seele, das in meinen Träumen wachte, während ich schlief, und die Macht hatte, mich nicht einschlafen zu lassen, wenn ihm etwas wider den Strich ging.
Da erklärte mir dieser Mensch, die Antwort aller Fragen läge letzten Endes in Gott, Allah. Er, Das ewige, Sich Selbst erneuernde Prinzip entwarf, verlieh, gestaltete.
„Schau die Bäume draußen vor dem Fenster, der Himmel, die Erde, die Vögel, alles verschiedene Gestalten der gleichen Essenz. Spricht dieses Beispiel nicht zu dir? Bist du nicht berührt von der Hingabe, mit der diese anderen lebendigen Wesen sind? In Tag und Nacht, in Finsternis und Licht, in Sonne oder Regen?“
Natürlich wies mich meine Intelligenz nicht in diese Richtung. War ich der Himmel, die Erde, ein Vogel oder ein Baum? Das Lexikon der Worte beinhaltete die Sprache der Vögel nicht. Die Sprache der Vögel – eben hatte ich Aida scheinheilig gefragt: „Woran erkennt man einen wirklichen Meister?“
„Daran, dass er die Sprache der Vögel spricht.“
Wie war das zu verstehen? Ich jedenfalls sprach die Sprache der Vögel nicht.
„Die Wahrheit ist immer da, sie ist lebendig, und sie leuchtet, sie ist eine transparente Substanz. Nicht innen oder außen, sondern überall, Licht über Licht. Alle Philosophien, Heilslehren und Religionen sind Wege, die aus verschiedenen Richtungen zum Kern, dem Nukleus der Wahrheit führen. In der Nähe der Wahrheit gibt es nur mehr eine Haltung, die Hingabe, arabisch Al Islam.“
Arture führte aus: „Selbstverwirklichung, die wahre Individualität, ist, sein Selbst gefunden haben und es auch zu sein. Frei, meine eigenen Entscheidungen zu treffen und mein Verhalten nach den neuesten Erkenntnissen zu reformieren.
Das Selbst, das man verwirklichen kann, muss in Übereinstimmung mit der Wahrheit sein. Persönlichkeit, wie sie im Westen kultiviert wird, ist ein Hindernis im Umgang mit der Wahrheit und im übrigen auch vergänglich. Wir wenden uns dem unvergänglich Wirklichen zu, dem Licht. All diese Ideen und Träume, die wir über unser Selbst hegen, sind nur eine Hand voll Jahre im großen Strom der Zeit. Was die anderen, die Masse, betrifft, ich sehe mich nicht auf einem Marktplatz, mit Worten jonglierend. Einstein, Van Gogh, Um Khalthoum, Goethe sind heute Staub auf einem Friedhof.“
„Und was ist mit der Liebe?“
„Freie Liebe ist kein Ersatz für die Wahrheit. Gerade vermittelt uns die Geschichte in einem Wort mit vier Buchstaben, nämlich A-i-d-s, damit aufzuhören. Unabhängigkeit ist auch keine Antwort. Unabhängig wovon? Die Menschen hier betrachten es als Inbegriff von Freiheit, nicht an Gott zu glauben. Selbst ist der Mann/die Frau, ist die Parole und wie dem Zauberlehrling läuft ihnen die Welt über von dem Abfall, den sie nach ihren ehrgeizigen Experimenten zurücklassen. Diese Menschen hier glauben, sie können es sich nicht leisten, an eine unbestimmte, unfassbare Entität zu glauben, die ihnen so überlegen ist, dass sie nicht nur die diffizile Lebensroute eines Wissenschaftlers geschaffen hat, sondern zugleich auch die unendlichen Variationen der Wissenschaften, die von einem Hirn alleine gar nicht zu fassen sind.
Man muss immer das Ganze im Auge behalten. Die Kreatur im gereinigten Zustand ist Teil des ganzen Universums. Ihre Essenz ist das kleine Abbild der Essenz des ganzen Universums, atmend, erschaffend und seine Attribute verfeinernd.“

Es war ein Samstag im April und Tag des Stadtfestes. Am frühen Nachmittag reihten wir uns in den Strom der Menschen ein, der sich durch die Innenstadt von einem Veranstaltungsort zum anderen wälzte. Bald trafen wir im Gedränge auf meine Töchter und ihre Freunde. Die Nachricht von dem interessanten Besuch war uns schon vorausgeeilt, und die Jugend war von dem schwarzen Mann schnell fasziniert.
Das Wetter, typisch April, spielte verrückt und der heiße Sonnenschein war bald von einem heftigen Schneetreiben vertrieben. Unsere Gäste aus dem fernen Wüstenland froren. Das Geplärr der Musik in den drängenden grauen Menschenmassen, der Geruch von Burenwürsten und schalem Bier, der über allem lag, trieb uns bald in die Wohnung zurück und die Jugend folgte uns nach. Folgten diesem Arture, der sie wie eine Inkarnation des Rattenfängers hinter sich herzog.
Rattenfänger, die örtliche Sagengestalt, ein Mann, der in die Stadt kam, und sie von der Rattenplage befreite. Mit dem ungehörten Lied seiner Flöte trieb er die Ratten alle in den Strom. Nach erledigter Arbeit verweigerten die Bürger der Stadt ihm den Lohn. Da nahm er seine Flöte noch einmal auf und spielte eine Weise, die alle Kinder der Stadt in ihren Bann zog. Er und alle Kinder, die seinem Lied hinterher tanzten, verließen die Stadt auf Nimmerwiedersehen.
Arture hatte sich seiner nassen Stadtkleider entledigt und erschien in einer bodenlangen grünen Robe, eröffnete, ein grünes Samtkäppi auf dem Kopf, die Party. Er legte das Stevie Wonder Tape ein, sang lauthals mit und interpretierte zwischen den Zeilen den jungen Leuten, was mit dem nucleus of all gemeint sei.
„Kleine grüne Setzlinge in die Herzen der Menschen pflanzen.“ War seine Antwort, als sie ihn mit Fragen bestürmten, was er mache.
Packte eine Querflöte aus und begann eine unbekannte und gleichzeitig seltsam bekannte Melodie zu spielen. Setzte sich an das Klavier und variierte das Thema. Die Musik hatte einen betörenden Effekt, sie verschmolz mit den Vogelstimmen draußen vor dem Fenster und schmiegte sich an den hauseigenen Hall. Der Klang, der Sound war mitreißend und total unauffällig zugleich. Selbst meine Mutter, bereits eine Dame fortgeschrittenen Alters, die wie ein feuerspeiender Drache über unserem Haus wachte, nahm keine anstößigen Geräusche war.
Im Nu, in der Länge eines Wimpernschlages hatte er die ungestümen Herzen der Jugendlichen gewonnen. Sie waren fasziniert. Zahm und geduldig saßen diese Jungen Wilden in ihrer Punkaufmachung und ihren provokanten Piercings um ihn herum und lauschten geduldig.
Ich stand in der Küche und kochte Tee. Aida hatte sich zu mir gesellt. Ich war eifersüchtig.
Diese jungen Leute da, das war mein Mutwork Team. Hier war ich der Guru. Ich hatte sie auf den Strassen ihrer Abenteuer zusammengesammelt und zu der gemeinsamen Arbeit an Mut motiviert. Jetzt erntete dieser Mann da mit seinem Ebenholz Körper und seinem Elfenbein Verstand meinen Schatz! Zog nicht nur meine Gesellschaft nicht vor, sondern überstrahlte mit seinem Sein auch noch meine gesamte Existenz, mein delikates Machtgebäude! Hingabe statt Egozentrik? Mit seinem Gerede über das Herz, Idealerweise ein blanker Spiegel, in dem die Welt sich makellos reflektierte!
„Führt euch vor Augen,“ drangen seine Gesprächsfetzen zu mir, „die gesamte materielle Welt, alles was wir mit unseren Augen sehen, mit unseren Sinnen wahrnehmen, übt, sobald wir unsere Aufmerksamkeit darauf richten, einen Sog aus, wirkt wie ein Strudel, in den wir gezogen werden, der unsere Aufmerksamkeit besetzt und unser wahres Selbst verdunkelt.
Sehen, hören, fühlen wir nicht in unseren Träumen auch?“
Hörte ich richtig, Träume?
„Warum glauben wir dann, dass unser wahres Selbst an die Wirklichkeit der Tage gebunden ist, an die Wirklichkeit in Form und Farbe unseres Leibes?“
Wenn ich aber doch sonst nichts zum Wahrnehmen habe?
Er schlug sich gerade auf die Brust, als ich mit dem Tee ins Zimmer kam, und zupfte verächtlich an der Haut seines ebenholzfarbenen Unterarms.
„Das alles ist tote Materie. Aber das was nicht tot ist, ist das Licht, das intelligente, alles durchdringende Licht, die unsterbliche Seele, die Allah uns verliehen hat. Ich, ich folge nicht Dingen, die tot sind, ich suche den Ursprung des Lebens. Schaut in den Spiegel und seht euch selbst in die Augen, was ist das, was euch entgegenblickt?“
Wie Stevie Wonder, der blind ist und doch fühlt, als ob er sehend wäre, nehmen wir die Dinge und Wesen nicht eigentlich mit den Augen, den Ohren, den Sinnen auf, sondern mit dem Herzen, behauptete Arture.
Ja, o ja, dieser Nukleus, dieser Same war da, ich kannte ihn, ich spürte ihn, er war der Funke Licht am Ende des Tunnels, das Feuer des schlechten Gewissens, das die Schlaflosigkeit anschürte. Das Licht, das die beste aller möglichen Welten verhieß.
Vor dem Fenster beobachtete ich zwei Krähen, die kämpften. Kreischend stürzten sie durch die Schwingen der hohen Fichte und jagten einander über den Himmel. Alles ist also Eines ein Samen in allen Erscheinungsformen dieser Welt und nur im Menschen, der so gierig nach dem Verstand gegriffen, als Der Schöpfer aller Welten die Eigenschaften verteilte, nur im Menschen ist dieser Nukleus verkümmert und verdorrt?
Zurück in der Küche erzählte ich Aida bei der Zubereitung von mehr Tee von meinem Mutwork Projekt.
„Es ist mir gelungen, diese herumstreifenden Heranwachsenden von der Strasse zu holen und sie für ein kreatives Rollenspiel zu begeistern, mit dem wir den Mut stärken wollten, den Mut ist alles, was man braucht, um sich durch den Dschungel dieser Welt zu schlagen. Mut, jeden Tag frisch ins Antlitz zu schauen, das heute nicht zum Sklaven des gestern zu machen.“
Was war das nun für eine Art von Mut, mit der ich selbst dieser Situation hier gegenüberstand, wehleidig, voll Selbstmitleid an meinen gestrigen Errungenschaften festhaltend?
„Was ist das was ihr da macht,“ fragte ich Aida, „was ist das für eine Technik, was steckt dahinter?“
„Das ist kein Hokuspokus. Wir sind Muslime, wir halten uns an Allahs Gebrauchsanweisung für seine Welt. Wir praktizieren Islam, Hingabe in den Willen Gottes.“

Aida half mir, den Hühnercurry, mit dem ich meine Hausgäste hatte verwöhnen wollen, zu einem Mahl für die zahlreichen Anwesenden zu strecken und erzählte mir dazu von ihren Gastmählern in Medina, die jedes Wochenende stattfanden. Fünfzig Leute, wenn nicht mehr, wurden da regelmäßig bewirtet. Ihre Schilderungen, wie die Frauen, die sisters zusammenkamen und miteinander das Essen zubereiteten, ließ mich meinen Kummer über die Streckung meines heutigen Kochkunstwerkes vergessen.
„Weißt du, wenn ich mir die kultivierte Frau im Westen anschaue, dann wundert mich gar nichts mehr,“ sagte Aida, „in der Früh aufstehen, der Familie ein intelligentes, vitaminhältiges Frühstück machen dem Mann bevor er zur Tür hinaus ist, einen Kuss geben, der ihn nach der Arbeit wieder nach Hause rasen lässt, auf dem Weg zur Arbeit die Kinder tiefenpsychologisch zubereiten und in der Schule absetzen, danach einem verantwortungsvollen Job nachgehen, von wo aus Wohl und Wehe der Schlüsselkinder per Telefon überwacht wird, die Hausaufgaben per Mail gecheckt.
Es wundert mich nicht, dass die Frauen hier so neurotisch sind. Sie haben mit ihrer angestrengten Befreiung nur eine Doppelbelastung geerntet. Existenzangst terrorisiert sie tief in ihrem Innersten, weil sie nicht wissen, was dieses Leben ist, und wie sie damit umgehen sollen. Es fehlt ihnen an Motivation, weil sie das Gute am Grunde des Schauspiels der Natur vor ihren Augen nicht sehen. Ich erinnere mich sehr gut an dieses Gefühl und die damit verbundene Panik, weil ich dachte, es geht nur mir so. Je mehr ich lerne, wie es wirklich um die Erscheinungen dieser Welt beschaffen ist, umso glücklicher macht es mich zu wissen, dass es Gott wirklich gibt. Ich wünsche mir nur, mich schnell und ganz und endgültig in dieser Realität zu verlieren, weißt du was ich meine?“
Ich sagte ja und meinte nein, weil ich begierig war, ihr offensichtliches Wissen über die Kunst des Lebens und die Verfügungszusammenhänge des Alltags auszuforschen und mir anzueignen. Allerdings Religion, das war Opium für das Volk, Karl Marx hatte das schon gesagt, ich aber, ich war nicht Volk, ich strebte nach Wahrheit und Wissen, um mich aus der Masse des Volkes herauszuheben. Mein Selbst aufgeben, den Sammelpunkt meiner Erkenntnisse, mich? Mich endgültig und ganz in einer Realität verlieren, die zu glauben war, deren man niemals gewiss sein konnte, das sah ich nicht ein.
„Während der Recherche zu einem Filmprojekt bin ich gerade selbst im Nahen Osten gewesen. Ich hatte zum Thema Palästinenserin recherchiert. Ich wollte wissen, was diese Frauen dazu bringt, ihre Kinder in den vordersten Reihen der Kämpfe zu opfern. Dabei war mir Islam als eine Moral begegnet, die es diesen Schwestern ermöglicht Eimer voll Leid hinter den Idealen ihrer Männer herzutragen. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie fern diesen Frauen, deren Söhne, Männer, Väter, Brüder für Lebensraum und Macht im Namen Allahs als Martyrer und Helden starben, die Probleme unserer vergleichsweise luxuriösen Existenz waren. Meiner Suche nach einem tieferen Sinn des Lebens, die mich im Grunde in diese Gegend verschlagen hatte, begegneten sie mit blankem Unverständnis. Diesen Frauen in der blutigen Realität und dem Elend des Kriegsalltages stellten sich solche Fragen nicht. Über sich selbst und das Leben nachzudenken wie ich es gewohnt bin, ist ein Privileg der sogenannten Ersten Welt. Eben dieser Kultur, die auf dem Trampelpfad ihrer Zivilisation auslösende Ursache für so viel Leiden und Sterben ringsum ist.“
„Und all das hat dir nichts über die Kultur, über den Glauben dieser Menschen gesagt?“
„Ich war tief beeindruckt. Als ich aber dann, zum Ende meiner Recherche in Akkaba ein paar Tage der Sammlung und Erholung am Meer einlegte, ärgerte es mich, dass ich nicht unbelästigt in der Sonne liegen konnte. Die Blicke der Männer auf mein brachliegendes Fleisch zwischen den Bikiniteilen waren lästiger als Fliegen. Während ich da meine Notizen zusammenfasste, studierte ich übrigens auch Material über Islam.“
„Hat dir gefallen, was du gelesen hast?“
„Die Hierarchie der Belange des Lebens gefiel mir sehr. Die Rangordnungen der Verantwortung und Liebe passten mir genau in den Kram. Die Mutter, zu deren Füssen das Paradies liegt, so etwas gefällt mir, besonders im Vergleich zu unserer Kultur, wo Muttersein ein ungelohnter und ungedankter Job ist.“
„Hat dir das nicht zu denken gegeben?“
„Da waren diese verhüllten Frauen in den Suks der arabischen Städte, die wie scheue, vogelgleiche Gespenster über den Asphalt klimperten, eine Welt, in der für eine Frau wie mich, eine emanzipierte Frau aus dem Westen, kein Platz zum Rasten ist. Wo immer du dich zeigst, wirst du für ein Flittchen gehalten. Es gibt keinen Ort unterwegs, kein Kaffeehaus, kein Restaurant das du betreten kannst, ohne von den Männern als Freiwild betrachtet zu werden.“
„Hast du auf deiner Suche irgendeine Religion, Philosophie oder Heilslehre gefunden, die dich anspricht?“
„Islam? Okay, Buddhismus, den viele meiner Freunde schätzen, hatte ich abgehakt, weil er der wuchernden Verantwortungslosigkeit unserer Kultur ein zu bequemes Nest bot. Schamanismus in Form von Indianermagie, die zu studieren ich in Mexiko die Ehre hatte, ist toll, aber nicht auf den Boden der modernen europäischen Realität herunter zu zwingen. Drogen? Ich suche einen Schlüssel, der mir den Zugang zur Wahrheit zu jeder Zeit und an jedem Ort öffnet. Der Wahrheit, wie sie auf Drogen wahrnehmbar, aber jedes Mal wenn die Wirkung der Droge nachlasst doppelt verloren ist.
Das Christentum? Ich bin eine ehemalige Klosterschülerin und habe übrigens auch eine Weile katholische Theologie studiert. Das Zölibat, der Zynismus der völlernden Pfaffen, der abgestandene Geruch ungelüfteter Kleider, nein, danke. Das Christentum heute scheut vor keiner modischen Befreiung der Gesellschaft zurück. Geburtenkontrolle wird diskutiert, in den Kirchen neuerdings meditiert statt gebetet, nenn mir die modischen Bewegungen, welche Mutter Kirche nicht eifrig integriert. Hinduismus ist mir irgendwie zu bunt, am meisten interessieren mich noch die Sufis, doch die sind hauptsächlich wie es scheint, im Islam zuhause.
Ich hatte da diesen Traum von meinen Gefährten, der Bruderschaft der Liebenden, ein Traum, der mich immer noch hoffen lässt, irgendwann meinen Meister zu finden.“
Aida schwieg. Ahnte sie, was hinter der Kulisse meiner Worte in mir vorging? Wenn ich jetzt meiner Sehnsucht nachgab die dieser schwarze Mann, ihr Mann, in mir frisch geweckt hatte, dann würde ich mich zuerst einmal zum Islam bekennen müssen, der Religion der Ölscheichs und Kameltreiber, den Letzten auf meiner Hitliste, mit ihrem epileptischen Anführer, den dieser schwarze Panther an meinem Küchentisch „das Siegel der Propheten“ nannte. Zu einem Glauben, wo meine Karrierechancen gleich null sein würden. Arture hatte mir das schon erklärt, eine Frau könne niemals Prophet sein, ihre Natur ist für diese Belastung nicht geschaffen, darüber hinaus war die Reihe der Propheten mit Mohammed abgeschlossen. Also, auch ein Vertreter des Propheten in unserer Zeit zu werden, ein Scheich ein spiritueller Meister, auch die Stiefeletten aus Krokodilleder waren für mich als Frau nicht drinnen. Da blieb ich doch lieber mein eigener Herr und Meister, anstatt mich in die Herde der Schafe einzureihen.
Später an diesem Abend gingen wir alle gemeinsam wieder in die Stadt. Standen in den Bars, tanzten in den Discos. Immer wieder verstand es Arture, die Leute in ein Gespräch zu verwickeln. Nicht etwa die bis über die Hemmschwelle Angetrunkenen und Berauschten, sondern die mit den leuchtenden Augen, die das Abenteuer des Lebens in der Nachtstadt ergründeten. An Aidas Seite folgte ich den Gesprächen über das Sein und das Lebendige, wenn ich mich nicht gerade auf den Tanzböden tummelte. Ich versuchte das Muster zu erkennen, nach dem er die Menschen so leicht öffnete und in ihnen las, wie in einem Buch.
Oft wichen die Typen, die sich um ihn sammelten, zu Aida aus, und ich bewunderte die Würde, mit der sie sich an der Bar hielt, während sie liebenswürdig und teilnahmsvoll mit ihnen sprach. Sicher, weltgewandt und ohne den geringsten Hauch von Koketterie. Vor zwei Tagen noch hatte sie sich, von Kopf bis Fuß verschleiert und den Blicken der Männer entzogen in einer Frauenwelt bewegt, und es war kein Bruch in ihrer Selbstachtung zu sehen jetzt, wo sie sich ohne schützende Schleier unter den Wölfen des Wiener Nachtlebens befand.

Der nächste Tag war ein Sonntag in allen Weisen. Sonnig, heiß und voll freudiger Erwartung der Feste, die eines solchen Tages würdig waren. Normalerweise gingen wir an einem solchen Tag zuallererst auf den Berg, und genau danach stand uns auch heute der Sinn. Ich sah meinen Augenblick der Wahrheit kommen, jetzt würden wir sehen, was für praktische Bewandtnis die großen Worte hatten. Unsere Gäste ahnten nicht, was so ein Spaziergang mit uns bedeutete. Die Jugend und ich waren dem Fliegen immerhin so nahe gekommen, dass wir das kleine Wegerl, laut Wienerlied „für alte Ehepaare viel zu schmal“ zwischen den Hintergärten der Villen unseres Bezirks geradewegs auf den kleinen Berg hinauftollten, der Himmel genannt wird. Die Mädchen, mit ihren süßen Herzen, schlugen immer wieder vor, doch auf die Gäste zu warten.
„Nein,“ beschied ich, „lasst uns sehen, wie sie mit dieser Herausforderung fertig werden.“
Und so jagten und flickflackten und sprangen wir über Stock und Stein auf dem Schulweg dahin. Oben auf der Himmelswiese ließen wir uns nieder und warteten auf die beiden, die nach einer nicht allzu langen Weile auch wirklich auftauchten.
Erschöpft von der ungewohnten Anstrengung, jedoch ungetrübter Laune, gesellten sie sich zu uns. Aida in ihren Riemchensandalen und Arture/Hassan in seinen Krokodillederstiefeln und Cowboyhut. Sie setzten sich in unserer Mitte auf eine Bank und teilten Liebenswürdigkeiten aus. Einer der Freunde, die mitgekommen waren, zog sich gleich splitterfasernackt aus.
Die Mädchen begannen ein Spiel. Bockspringen. Im Hintergrund, am Waldrand, gab sich ein fremdes Pärchen, nackt, seltsamen Verrenkungen hin.
Kurz, es war ein cooles Top Programm á la Carte der Mode in Wien. Es hätte keine gelungenere Performance oder Kunstaktion geben können für diesen Sonntag im April. Die jungen Mädchen in ihren Body Gym Outfits mit großzügig geschnittenen Armlöchern und lockeren Hosen setzten über einander hinweg im absoluten Gipfel der menschlichen Evolution. Die Mädchen spielten ein neues Spiel: „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?“ Sie brachen es gleichsam aus der Luft, die an diesem milden Apriltag mit Hochsommerflair über unseren Gästen schwirrte, die auf der Spitze des Hügels thronten. Ein Sonntag in Wien, an dem sogar die Dackel Steireranzüge trugen.
Auf der Himmelswiese gibt es ein Denkmal, einen weißen Stein, der eine Marmortafel trägt, auf der etwas wie „Hier erschloss sich dem Siegmund Freud die Bedeutung des Traumes“ eingraviert steht. Jedes Mal, wenn ich an diesem Stein vorbeikam, ärgerte ich mich, dass nicht statt dessen, oder dazu, die Bedeutung des Traumes eingraviert war.
Jetzt wies ich unsere Gäste darauf hin.
“Warum,“ sagte ich zu Arture „warum wird der Kult um die Person wichtiger genommen als die Erkenntnis, die möglicherweise doch allen Menschen von Nutzen sein könnte? Warum ist guter Rat immer teuer?“
„Wirklich guter Rat ist nicht teuer. Schau die Natur an, sie ist ein freizügiges Beispiel. Es gehört zum Krankheitsbild der Menschen hier, den Kult der Personen und der Formen vor die allgemein nützliche Wahrheit zu stellen.“
Immer mehr erinnerten mich meine Gäste an den Traum von der grünen Wolke. Die Grüne Wolke, auf der ich meinesgleichen fand. Dieser Artur da, der sich Hassan Hassan nannte, hatte das dunkle Gesicht und die grüne Robe, wie es der Sprecher im Traum gehabt hatte. Alle seine Worte und darüber hinaus sein Handeln passten so genau, und doch war mir, als ob plötzlich ein Monster losgelassen wäre in mir, das wütend sein Terrain verteidigte.
Als wir nach diesem Ausflug in die Wohnung zurückgekehrt waren, brach ein eisernes Band von meinem Herzen. Es brach meinen übermütigen Stolz zu sehen, wie dieser Mann in den Lehnsessel sank und seine Füße von sich streckte. Was hatte ich beweisen müssen? Dass er auch nur ein Mensch war? Und dazu Aida, selbst in ihren Riemchensandalen, die ihm die Cowboystiefel aus Krokodilleder abzog, die gemarterten schwarzen Dinger in die Hände nahm, und sie massierte.
„Papa Bär ist müde.“
Warum kämpfte ich so rasend? Was war denn dabei, einfach auszuprobieren, was sie machten? Warum nicht sich zu einem Glauben bekennen und sehen, ob er Wirklichkeit wird? Warum es nicht noch einmal mit Gott versuchen, mit dem Glauben an eine absolute und lebendige Wahrheit?
Was war daran so schwer?
Dienen? Ich diente in der Buchhandlung, ich diente den persönlichen Bedürfnissen meiner Lieben, und es ging mir oft genug auf die Nerven. Ich diente meinem Image, der Stromrechnung, dem Bankkonto, der Zeit. Warum nicht einer genialen Schöpfungs-macht dienen, die sich die Welt in ihrer bunten Vielfalt ausgedacht hat, mit all den Möglichkeiten, die wir Intelligenzquotiententräger mühsam und unvollkommen nach-vollziehen? Warum nicht akzeptieren, dass es so einem mächtigen Künstler, der die ganze Welt in ihrer Schönheit der das Leben, mich, geschaffen hat auch belieben kann, Seine eigenen Spielregeln herauszugeben. Gebrauchsanweisungen sozusagen, wie mit Seinem Werk umzugehen ist.
Schon allein der Schleier, der die Wahrheit verhüllt. Ein raffinierteres Konzept hätte sich kein Mensch ausdenken können. Ein Schleier, der ist: Wer nicht glaubt, wird nicht erfahren.
In die Ecke getrieben von dem leuchtenden Beispiel zweier Menschen sah ich mich einem mächtigen Vasall meines Selbst gegenüber, der um sein Überleben kämpfte: Free Woman, mein sorgfältig gestyltes Image selbst.
Dabei zeigten Hassan und Aida sich jede Sekunde des Tages als wirklich schöne Menschen, innerlich und äußerlich. Dank meiner Feldforschung verstand ich ja etwas davon, wusste, dass eine solche Schönheit nur aus einem richtigen Leben resultieren konnte. Zu glauben, alles sei auf elektronische Impulse in bekleideten Affen, die sich Menschen nennen, zurückzuführen, war schließlich auch nur ein Trapezakt in diesem Zirkus, genannt Leben. Über Jahrhunderte hatten die Menschen geglaubt, die Erde sei eine flache Scheibe, an deren Rand man herunter falle. Wissenschaft und Fortschritt waren mir auch nicht gerade ein leuchtendes Beispiel, es war keineswegs auszuschließen, dass sich das kollektive Bewusstsein wieder einmal irrte.
„Sehen ist wissen,“ erklärte der schwarze Mann gerade den jungen Leuten, „jemand kommt aus Indien oder Afrika und erzählt euch von Tigern, Löwen oder Elefanten, von fleischfressenden Pflanzen in einer blumigen und faszinierenden Sprache, aber erst wenn ihr mit eigenen Augen so ein Tier oder so eine Pflanze gesehen habt, könnt ihr euch eine Vorstellung machen, wie die Begegnung mit so einem Wesen in Wirklichkeit sein kann.“
Ich fühlte mich grauenhaft, ich hasste mich so sehr, dass ich überhaupt niemanden sehen wollte.
Es hieß, sich für einen weiteren Streifzug durch die Nacht zurecht zu machen. Ich passte. Ich erklärte, ich würde lieber zuhause bleiben und zu meinem Frust schloss sich Aida mir an. Die Jugend schwärmte mit dem schwarzen Mann aus in die Nacht.

Ich schleppte den Fernseher in mein Zimmer, patzte mich in den einzigen Fauteuil davor und senkte mich in das laufende Programm. Uneingeladen kam Aida mir nach, holte sich einen Sessel und setzte sich neben mich. Ich war mein unfreundlichstes Selbst. Sie schien es nicht zu merken.
Mit Bemerkungen zum laufenden Programm über soziale und politische Probleme lockte sie mich bald aus meinem Missmut heraus. Kaltblütig und finster entschlossen erklärte ich zuerst einmal, dass mir jegliche Gruppenbewegung zutiefst zuwider sei.
„Ich halte nichts von der Gemeinschaft der Gläubigen. Ethik und Moral jeder Religion, so will es die Natur der Sache, sind grundsätzlich okay. Ich hasse Bekenntnisdrang, Missionareifer und Scheinheiligkeit, nämlich das Frömmeln für die Augen der Mitmen-schen. Ich verachte besonders im Fall des religiösen Menschen das Missverhältnis zwischen Theorie und Praxis. Ganz besonders fies finde ich egozentrische Manipu-lationen der Anführer.“
„Was meinst du damit?“
„Ausbeutung der Macht über die Seelen der hingebungsvollen Schafe, zum Zweck der Verfolgung von persönlichen materialistischen Interessen. Jede Gruppenbewegung ist mir suspekt. Ich bin für Meinungsvielfalt und Selbstbestimmung. Jede Art von Fanatismus kotzt mich an. Es gibt keine Strömung des modernen Zeitgeistes, mit der ich mich nicht auseinandergesetzt habe. Ich kann die Menschen, die sich in solchen Zentren sammeln, nicht ausstehen. Ich verachte die Bedürftigen, die bereit sind, ihr teuer verdientes Geld, das, was sie krank macht, in Therapien zu investieren, die ihnen das Menschsein lernen sollen.
„Auf meinen Reisen habe ich gelernt, je weiter die Menschen von den breiten Strassen die zu den Städten führen entfernt sind, desto besser geht es ihnen. Es ist die Zivilisation, die krank macht. Religionen und sonstige Gruppen-dynamische Bewe-gungen machen die Herde der Schafe weich dafür.
„Die Frauen in den arabischen Ländern gefielen mir, ich will das nicht abstreiten. Nicht die dicht verschleierten Geschöpfe, die wie aufgeschreckte Gespenster durch die Bazare schlüpften. Mir gefiel das musikalische Klimpern ihre stöckeligen Sandalen auf dem Asphalt. Mir gefielen ihre Gesichter, die nicht wie die Gesichter der Frauen hier von den Zügeln und Sporen ihrer traurigen Kompromisse gezeichnet sind. Sie zeigten eine Selbstachtung und Würde, die mich vor Neid erblassen ließ.“
„Hast du nicht versucht herauszufinden, was das kosmetische Geheimnis ihrer Schönheit ist?“
„Die Palästinenserinnen, mit denen ich hauptsächlich zu tun hatte, waren nicht das geeignete Objekt für solche Fragen. Dialektik in Emanzenmanier schien mir schal vor den Müttern, Frauen, Schwestern der Märtyrer und Helden. Die Männer gefielen mir übrigens. Wenn ich sie auch wie lästige Fliegen von meinem Fleisch scheuchen musste, es gefiel mir, dass sie Frauen wahrnehmen und begehren. Ich habe es genossen, schön zu sein, ein Objekt der Begierde, und nicht ein klischiertes Neutrum, das nach Marktwert und Frische gehandelt wird.
„Immerhin kann man von einem Macho Schutz Verantwortung und Respekt erwarten, nicht so wie hier, mit unseren zivilisierten Clowns. Ich bin eine Frau, ich habe keinen Ehrgeiz, mir Unsterblichkeit zu sichern. Ich habe das Wunder des Lebens empfangen, neues Leben ist wunderbarer Weise in meinem Körper gewachsen, ich habe, Wunder über Wunder! Lebendiges in die Welt gebracht, ich bin Glied in einer lebendigen Kette, ich brauche kein Denkmal um mein Dagewesensein zu sichern.“
„Hast du schon einmal einen wirklichen Mann getroffen?“
„Ich denke schon. Meine Kriterien sind vielleicht ein wenig exotisch, denn ich halte für einen wirklichen Mann den, der auf eine Kokospalme klettern kann, unter allen Umständen ein Dach über dem Kopf schaffen, und gute Musik machen, einen Mann der es versteht, den Klang des Tages zum Schwingen bringen.“
„Ich habe als Kind immer von den Männern der Bibel geträumt,“ gestand Aida, „hast du dich nie gefragt, wo diese Männer geblieben sind? Einmal muss es sie gegeben haben, sonst könnte die Überlieferung ja nicht von ihnen berichten. Männer, die eine Vision hatten, ein Ziel, das über die Grenzen des gegebenen Environments hinausreicht und nicht allein der Verwirklichung egoistischer Wünsche dient. Ich habe mich gefragt, wie ein Mann beschaffen sein muss, der das Charisma die Kraft hat nicht nur seine Familie, sondern einen ganzen Clan aus der gewohnten Umgebung herauszulösen und zu einem Aufbruch in ein neues Leben zu bewegen, Männer wie Noah Moses Abraham Josef. Wo sind sie geblieben?“
„Ihr sagt ja, dass es nach eurem Mohammed keine Propheten mehr gibt.“
„Ja, aber diese Eigenschaften können doch nicht ganz verloren sein für den Menschen, gleich wie das biblische Alter, Lebenslängen von dreihundert, achthundert und mehr Jahren? Ich wolle wissen, gibt es solche Qualitäten in unserer Welt oder sind sie womöglich immer schon Schöpfungen der Phantasie gewesen?“
„Was ist mit Napoleon, Hitler, Ghandi, JFK, Martin Luther King, den Popstars, die müssen doch solche charismatische Führungskräfte besitzen, denn offensichtlich gelingt es ihnen, Massen zu bewegen.“
Aida überging meinen Zynismus und ich setzte zurück: „Vielleicht ist wahre Größe erst nach Jahrhunderten zu messen. Schau dir Napoleon an, der hat hunderttausende Menschen mit seinen Feldzügen in den Tod geführt, und jetzt, zweihundert Jahre später, wird er als Genie verehrt.“
„Das sind nicht die Männer, die ich meine. Alle diese Männer, Hitler eingeschlossen, wären sicher auf der Stelle vor Schreck gestorben, wenn Gott aus einem brennenden Dornbusch zu ihnen gesprochen hätte.“
„Und was ist mit der Theorie, dass alle diese Propheten mit ihren göttlichen Offenbarungen und Visionen Epileptiker oder Schizophrene waren?“
„Ich weigere mich, der Wissenschaft alles zu glauben.“
„Bist du denn auf deinen Wegen schon solchen Männern begegnet?“
‚Ja.“
„Ist dein Mann so einer?“
„Vielleicht, aber ich habe jetzt mehr an unseren Scheich in Medina gedacht, und den Scheich unseres Scheichs.“
„Ihr habt einen Scheich? Wie ist das? Was geschieht da? Was macht der mit euch?“
„Er zeigt uns den Weg zu Allah und hilft uns, das Herz zu reinigen.“
„Und wie macht er das? Ich meine, gibt es da eine bestimmte Prozedur, der man sich unterziehen muss?“
„Das ist von Fall zu Fall verschieden. Wir versuchen nur, in seiner Nähe zu bleiben, und besuchen ihn, so oft das geht. Da geben wir ihm Salams und sitzen eine Weile bei ihm, und er spricht zu uns. Wenn wir glauben, dass wir eine Frage haben, oder ein Problem, dann bitten wir ihn um Rat. Wenn wir einen außergewöhnlichen Traum hatten, dann erzählen wir ihn. Das ist aber selten, denn meistens spricht er von sich aus die Dinge an, die uns auf dem Herzen liegen. Viele Fragen werden auch einfach überflüssig, wenn man sich in seiner Gegenwart befindet, oder man stellt sie zurück, aus Respekt.“
„Was bekommt er dafür?“
„Nichts. Wenn er dich als Schüler annimmt, dann gibst du dein Leben in seine Hand. Es steht nicht in unserer Macht ihm seine Leistung zu vergelten, wir können sie ja kaum ermessen. Wir können nur die rechte Absicht hegen und ihn in unsere Gebete einschließen.“
„Wie ist dieser Mann?“
„Er ist wunderbar. Seine bloße Gegenwart ist wie ein reinigendes Bad in einer unbeschreiblich süßen, klaren Quelle. In seiner äußeren Form ist er ein hundertjähriger Mann mit einer großen Familie, der bescheiden in einer Kammer auf dem Dach seines Hauses lebt. Ich wünschte, du könntest ihn sehen, um zu verstehen, was ich meine.“
„Glaubst du, ich könnte ihn besuchen?“
„Warum nicht. Aber er lebt in Medina und diese Stadt dürfen nur Muslime betreten.“
Das Gespräch hatte eine brennende Sehnsucht nach diesem Mann in mir wachgerufen und zugleich meinen Unmut und meinen Trotz frisch aufgewühlt. Schon wieder lag Islam als lästiges Hindernis im Weg. Unterwerfung und Hingabe waren ja keine Fremdwörter für mich. In der Liebe zu meinen Männern hatte ich sie bedenkenlos ausgeschüttet, die Hingabe, und mich auch in der Unterwerfung wohl oder übel versucht. Auch in der Kunst, bei der Arbeit, hatte ich die Bedeutung dieser Worte verstehen gelernt. Einer Sache dienen, sich ihren Anforderungen für ein Ziel unterwerfen. Ich, die ihren Tag nicht zum Sklaven des Gestern machen wollte und vor lauter Freiheit bald nicht mehr wusste, was sie anfangen sollte.

 

Am nächsten Morgen saß wieder der schwarze Mann in weißem Unterhemd und grünem Lungi an meinem Küchentisch und bestellte Tee, als ich aus der Dusche kam.
„Ich nehme meinen Tee heiß, mit Milch und Zucker.“
„Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, was das Lebendige ist? Es gibt lebendige und tote Dinge. Schau eines der Blätter der Bäume draußen vor deinem Zimmerfenster an. Es fällt herunter, und wenn es trocknet, dann siehst du, wie das Leben aus ihm gewichen ist. Ich zum Beispiel, ich diene allein dem Lebendigen. Das Lebendige, das wie im Beispiel der Natur nicht an die äußere Form, die dem Prozess der Verwesung unterworfen ist, gebunden ist. Das Lebendige, das mir im Spiegel entgegenschaut ist wach, während mein Körper schläft, es durchwandert die Gefilde der Träume. Daher weiß ich, dass es unabhängig von jeglicher Erscheinungsform ist.
„Das ist nicht Magie oder Hexerei, es bedeutet, sich strikt an die Gesetze des Lebendigen zu halten, die Manieren des Herzens, wenn du so willst.
„Wer außer Dem Schöpfer aller Welten, und dieses genialen Apparates Mensch, so überlegen in seiner Konstruktion, dass die klügsten Spezialisten die entscheidenden Code in den Genen kaum dechiffrieren können, wer außer Dem Konstrukteur dieses Wunders sollte wissen, wie es zu warten ist. Allah in Seiner unermesslichen Großzügigkeit hat uns die Schariah als Gebrauchsanweisung für diese Welt gegeben. Die Schariah ist wie die federnden Seile eines Boxringes, innerhalb derer der Kampf ausgetragen wird.
„Der Kampf? Was der Kampf ist? Der Kampf gilt Scheitahn und seinem treuen Vasallen, dem Nafs. Freiheit ist die Waffe zwischen dem Guten und dem Günstigen zu unterscheiden.
„Mein Ehrgeiz in dieser Welt ist, den besten Weg zu finden. Insch’Allah, so Gott will, werde ich alles, was ich bin und was ich habe dafür einsetzen. Ich bin, was Gott, Allah, geschaffen hat und womit Er mich erhält. Religionen, Namen bedeuten mir nichts. Einzig die Hingabe zählt in diesen Dimensionen, wie in einem Strudel im Strom. Für jede vollkommenere Methode der Hingabe würde ich bedenkenlos meine Technik ändern, vorläufig, das kannst du mir glauben, ist mir keine bessere Technik als Islam begegnet.“
Ich dachte sehnsüchtig an einen Badestrand mit Bootssteg, der in den Seewellen ruht wie ein Felsen im Zen Garten. O ihr tausend Meilen, die ich mein Körperboot durch das Wasser schaufle, ihr lockenden Erscheinungen der Sommernatur!
„Es geht nicht darum, an Badestränden zu liegen,“ hörte ich seine Stimme wieder, „davon handelt das wirkliche Leben nicht. Das Nafs, die Begierde unseres Egos ist ein fettes, bequemes Ding, das im angenehmen Dunkel unseres Herzens in eine Sofaecke gelümmelt Bonbons in sich hineinstopft. Bei jedem Lichtstrahl, der seine gemütliche Finsternis aufreißt, kreischt es empört auf und wehrt sich mit Händen und Füssen gegen die Störung.“
„O Gott,“ dachte ich „ist das etwa die Antwort auf mein Gebet?“ Und flüchtete in Zoes verlassenes Zimmer, wo ich geräuschvoll das Bügelbrett aufstellte und mich anschickte, das Linnen des Tages zu glätten.
Nach einer Weile gesellte sich Aida zu mir.
„Hältst du mich für eine wirkliche Freundin?“
Ich konnte schwerlich nein sagen, also: „Ja.“
„Glaubst du, dass ich es gut mit dir meine?“
„Ja.“
„Willst du dir einen Rat von mir geben lassen?“
„Also gut.“
„Werde Muslim.“
Ich steckte das Bügeleisen aus und fragte: „Wie?“
Sie nahm mich mit in die Küche und stellte mich vor Hassan hin.
„Ich möchte Muslim werden.“
Die tobende Bestie, die mir in den letzten Tagen den Einbruch des Lichts in meine finstere Wirklichkeit verleiden wollte, der von dem Erscheinen dieser beiden Menschen in meinem Leben verursacht wurde, war plötzlich spurlos verschwunden.
Hassan Hassan sah mich kurz an, und schickte mich mit Aida ins Badezimmer, damit sie mir half, die rituelle Waschung vorzunehmen. Als wir zurückkamen, war er gerade auf dem Weg in das Zimmer. Auf der Türschwelle nahm er meine rechte Hand in die seine und erklärte mir die Worte der Schahadah:
„Die Schahadah ist das islamische Glaubensbekenntnis, sie heißt: Ich bekenne, es gibt keinen Gott außer Allah und ich bekenne Mohammed ist der Gesandte Allahs.“
Dann sprach er mir auf der Türschwelle arabische Wörter vor, die ich nachzusagen hatte:
„Aschahadu an la Ilaha illa’Llah wa aschahadu anna Muhammadun Rasulu’Llah“
Dreimal.
Danach hieß er mich, einen Namen zu wählen.
„Aischa, Fatima, Khadischa, Mariam, Amina, Iman…”
„Was bedeutet Iman?”
„Iman heißt Glaube.“
„Ich nehme Iman. Ich werde viel Erinnerung daran brauchen, dass ich zu glauben habe.“
So war ich, ohne dass ich wusste, wie mir geschah, zum Muslim geworden. Der Himmel öffnete sich nicht, die Erde tat sich nicht auf, keine Engels Chöre sangen, ich hatte den Schritt über die Schwelle getan, alles weitere würde sich finden.

Free Woman ist das erste Kapitel von Unsterblich Verliebt erstmals 1995 im Donau Verlag

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